• vom 27.10.2018, 15:30 Uhr

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Von Simone Brunner

  • "Wenn ich nicht von ihnen erzähle, werden sie einfach verschwinden." Der russische Schriftsteller Sergej Lebedew arbeitet in seinem aktuellen Roman, "Kronos’ Kinder", seine deutschen Wurzeln auf. Keine Wohlfühlliteratur.



Textarbeit über Ahnensuche und Gewalt, Krieg und Terror in Russland: Sergej Lebedew.

Textarbeit über Ahnensuche und Gewalt, Krieg und Terror in Russland: Sergej Lebedew.© Brunner Textarbeit über Ahnensuche und Gewalt, Krieg und Terror in Russland: Sergej Lebedew.© Brunner

Es gibt Orte, die sind ein Mysterium. Für den kleinen Kirill ist der deutsche Friedhof in Moskau solch ein Ort. Jeden Samstag bittet seine Großmutter ihn, sie bei ihrem Gang auf den Friedhof zu begleiten. Und jede Woche geht Kirill mit, obwohl er sich insgeheim fragt: Was haben wir Russen bloß mit diesem rätselhaften Ort zu schaffen - mit seinen lateinischen Inschriften, den unbekannten Symbolen und den fremden Toten, die hier in der Erde lagern? Er wagt es dennoch nicht, zu fragen.

Eines Tages schabt die Großmutter das feuchte Moos von einem Grabstein und offenbart Kirill ein dunkles Geheimnis. Ein Umstand, der Kirills inneren Kompass erschüttert und alte Gewissheiten über den Haufen wirft. "Früher war sein Blut nichts als sein Blut gewesen. Nun war es gleichsam etwas Fremdes, was in seinen Adern floss, was ihm nicht ganz ge-
hörte." Denn hier ruht Balthasar Schwerdt, ein deutscher Arzt, der einst im 19. Jahrhundert von Deutschland nach Russland ausgewandert war. Kirills Ururur-Großvater.



Es ist auch seine eigene Familiengeschichte, die der Autor Sergej Lebedew in seinem aktuellen Roman, "Kronos’ Kinder", aufgeschrieben hat. So war es Lebedew selbst, der eines Tages seine deutschen Wurzeln entdeckte. "Auch mein Vater, der 1941 geboren wurde, wusste nicht, dass er zum Teil ein Deutscher ist", sagt Lebedew heute. "In einem Moment erkennst du: Das Schicksal deiner Familie ist mit unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichen Epochen, mit

Information

Sergej Lebedew
Kronos’ Kinder

Roman. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Fischer, Berlin 2018, 384 Seiten, 24,70 Euro.

unterschiedlichen Konflikten verbunden, aber du wurdest geboren, als hätte es das alles nicht gegeben", sagt Lebedew. "Das wirft dich in einen tiefen Konflikt mit dir selbst."

So tritt auch der Romanheld Kirill mit der erschütternden Erkenntnis in eine neue Welt ein. Fast ist es so, als gäbe es neben den physikalischen Gesetzen noch eine rätselhafte Kraft der Geschichte, die Gravitation der Untoten, der Kirill fortan ausgesetzt ist. Sei es der undurchdringliche Nebel von Wolgograd, aus dem die Eiszapfen fallen wie Schrapnell, oder das Unwetter, als sich Kirill, der sich mit einem Stipendium für Harvard in der Tasche in die USA absetzen möchte, um "sich hinter dem Ozean vor dem Schicksal Europas, in das die Geschichte seiner Familie verwoben war, zu verschanzen".

Als vor seiner geplanten Abreise jedoch die Marmorplatte am Grab der Großmutter von einem Sturm gespalten wird, liest das Kirill als Vorsehung, um doch in Moskau zu bleiben und die Geschichte seiner Familie zu erzählen. So wird Kirill zum Chronisten wider Willen, und der Riss auf dem Grabstein zum Abgrund, in den er nun blickt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-25 16:00:58
Letzte Änderung am 2018-10-25 16:04:11


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