• vom 03.11.2018, 17:00 Uhr

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Von Stefan May

  • Von Sarajevo bis Lemberg, von Andric bis Andruchowytsch: Die literarische Reflexion des Bebens in den k.u.k-Nachfolgestaaten. Ein Mosaik.

Eine habsburgische Stadt durch und durch: Lemberg, auf einer Postkarte 1918. - © Culture Club/Getty Images

Eine habsburgische Stadt durch und durch: Lemberg, auf einer Postkarte 1918. © Culture Club/Getty Images

"Erde aus Ungarn" - "Erde aus Polen" - "Erde aus Kärnten" - "Slowenische Erde" -"Tschechische Erde". Offiziere aus allen Teilen der Monarchie verabschieden sich vom toten Oberst. Zuletzt schüttet der jüdische Regimentsarzt Erde auf den Sarg: "Erde aus - aus - Österreich." (Franz Theodor Csokor)

Diese Szene aus dem Theaterstück "3. November 1918" spiegelt das Ende der Habsburger-Monarchie wider. Im Auseinanderbrechen des morschen Reichs bilden dessen Völker eigene, neue Staaten.

Information

Stefan May, geboren 1961, lebt als Jurist, Journalist und Autor in Berlin und Wien.

"Der Krieg war noch nicht zu Ende, als die Völker Kakaniens damit anfingen, nach Hause zu gehen. Am Ende des großen Krieges der Imperien begaben sich die Völker ins Machtvakuum und erfüllten sich auf diese Weise den uralten Traum der Selbständigkeit. Plötzlich gehörten die, die gestern noch in den Armeen des Kaisers dienten, zu den Siegern." (Richard Wagner, gebürtig aus dem einst zur Habsburgermonarchie gehörenden Banat)

Die Neuaufstellung Mitteleuropas kam einem gewaltigen politischen Beben gleich. Die Suche nach der literarischen Reflexion dieses Bebens in den Nachfolgestaaten führt bis an die Grenzen der k.u.k. Monarchie: von Sarajevo in Bosnien-Herzegowina nach Lemberg in Galizien.

Fokus auf Krieg

In Sarajevo hat mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie vor 100 Jahren alles seinen Anfang genommen. Der in Travnik geborene bosnisch-kroatische Schriftsteller Ivo Andric ging noch zur Zeit der Monarchie ins Gymnasium von Sarajevo. Für sein Buch "Die Brücke über die Drina" hatte er den Literatur-Nobelpreis erhalten.

"Nach diesem großen Krieg stieß man unter den Intellektuellen oft auf solche Menschen, die auf eine besondere Art, aber auf nichts Bestimmtes im Leben zornig waren. Sie fanden in sich nicht die Kraft, sich mit dem Vergangenen abzufinden und sich anzupassen, aber auch nicht, die große Entscheidung in einem entgegengesetzten Sinn zu treffen."

"Der Abgang Österreich-Ungarns ist ja mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verbunden", sagt Hana Stojic, Leiterin des Regionalbüros des Literatur- und Übersetzungsnetzwerks traduki in Sarajevo. Sie stammt von hier und hat in Wien studiert. "Der Erste Weltkrieg, der ein Weltgeschehen war, hat diesen Abgang überschattet. Der Fokus der Schriftsteller war deshalb auf den Krieg gelegt und nicht auf die Tatsache, dass man nicht mehr zu Österreich gehörte."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-02 14:07:06
Letzte Änderung am 2018-11-02 14:16:15


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