• vom 16.10.2015, 16:04 Uhr

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Update: 27.03.2016, 11:22 Uhr

Interview

"Ich könnte Bürgermeister werden"




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Von Matthias Winterer

  • Die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel über ihre Konzentrationsschwäche, Fäkalhumor und den Witz als literarische Gattung.

Meist hat Stefanie Sargnagel auf Fotos ein Bier in der Hand, diesmal ist es Joghurt. Die Autorin aus Wien hat die besten Ideen, wenn sie spazieren geht. - © Stefanie Sargnagel

Meist hat Stefanie Sargnagel auf Fotos ein Bier in der Hand, diesmal ist es Joghurt. Die Autorin aus Wien hat die besten Ideen, wenn sie spazieren geht. © Stefanie Sargnagel

Wien. Stefanie Sargnagel hat aus ihren Facebook-Einträgen bereits ihr zweites Buch "Fitness" gezimmert. Über Tagebucheinträge folgen ihr die Leser durch das vergangene Jahr. Warum diese Form der Literatur durchaus ihre Daseinsberechtigung hat, sie aber nicht unbedingt in Buchform erscheinen müsste, erzählt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung":
Sie sind in den Medien immer mit roter Baskenmütze und einem Bier in der Hand zu sehen. Haben Sie jemals aus Imagegründen ein Bier getrunken, obwohl Sie keines wollten?

Vielleicht hab ich einmal für ein Foto eines in die Hand genommen. Aber es fällt mir auch wirklich nicht so leicht, keines zu trinken.

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie - im Vergleich zu Ihrem Erstling "Binge Living" – relativ wenig über Alkohol.

Weil ich keine Zeit mehr zum Trinken habe. Ich muss ja arbeiten gehen und bin immer sehr verkatert. Bei Lesungen trinke ich noch, brauche auch drei Tage um mich zu erholen.

Ihr neues Buch ist wieder ein Abdruck von kurzen Facebook-Einträgen, denen man im Tagebuchstil durch ein ganzes Jahr folgt. Hat der Verlag einfach jeden Eintrag abgedruckt oder wurden sie überarbeitet?

Ich schreibe auf Facebook oft zehn Einträge am Tag. Das wäre für das Buch zu viel gewesen. Ich hab das genommen, von dem ich fand, dass es zumindest eine gewisse erzählerische Qualität hat. Es war schwierig auszuwählen und die Zeit war sehr knapp. Im Endeffekt hieß es dann vom Verlag, dass es am 15. Juni fertig sein muss. Am 15. Juni hab ich dann überhaupt erst angefangen das alles zu machen. Es ist - wie bei allem was ich mache - nicht sehr viel Strategie dahinter. Also ich habe diesen Vertrag und dachte mir, dann mache ich eben noch ein Buch. Ich habe nach Gefühl Einträge ausgewählt. Ich kann auch meine eigenen Sachen nicht so oft lesen. Sie sind sehr persönlich, weil es keine ausgedachten Geschichten sind.

Eben, Sie schreiben über sich selbst, Ihre Familie und Ihren Freund relativ schonungslos und offen. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass Sie es ursprünglich für einige Bekannte geschrieben haben. Nun lesen Tausende fremde Menschen mit. Schreiben Sie jetzt anders?

Ja schon. Über die Familie schreib ich deshalb kaum mehr. Ich erzähle auch nie über Leute, die ich kennen gelernt habe, auch wenn es interessant wäre. Aber dann würden auch alle Leute komisch mit mir umgehen, wenn sie wüssten, ich schreibe dann drüber.

Ihre Literatur funktioniert ausgezeichnet auf Facebook. Eigentlich hätte es die Buchform gar nicht gebraucht.

Das Buch hätte es wirklich nicht braucht. Ich kann es eben machen, aber es besteht keine Notwendigkeit. Als Buch hat es vielleicht eine andere Narrationsebene, weil man es als ganze Erzählung liest. Aber eigentlich ist es mir egal. Immer wenn ich in Zeitungen publiziere, erwähnen die Zeitungen, wo ich schon überall publiziert habe. Anscheinend reicht es den Leuten nicht, dass ich auf Facebook schreibe.

Gilt Literatur nur als Literatur, wenn es als Buch gedruckt wird?

In Österreich habe ich schon das Gefühl. In den USA ist es vielleicht anders, da gibt es Twitter-Poeten, die etabliert sind. Ich wurde nach dem ersten Buch auch gefragt, ob ich nun einen Roman schreiben werde. Aber wieso sollte ich das wollen? Das ist eben meine Form.

Glauben Sie, dass ein Teil Ihres Erfolges eben dieser Duktus ist?

Ja sicher, aber das Witzige ist, ich wüsste einfach, wenn ich die Daten weglassen würde, nur gewisse Texte nehmen würde und sie mit Zeilenabständen versehen würde, dann würden es die Leute als Lyrik verstehen. Aber sicher, kurze pointierte Sachen funktionieren gut. Diese Form ist sehr zugänglich.

Ihr Humor verdeckt oft die Ernsthaftigkeit von Themen wie Alkoholismus, sinnlose Jobs, Frauenbilder oder Fitnesswahn.

Es ist tragisch-komisch. Ich find harte Sachen lustig. Wenn Texte aber zu lustig sind, werden sie nicht als Literatur wahrgenommen. Ich finde der Witz ist auch eine literarische Form, die nicht so einfach ist. Man muss sehr schnell Dinge auf den Punkt bringen. Das find ich super, das macht mir Spaß. Das Tragisch-Komische hat eine tolle Ebene. Ich kenn viele gescheite Leute und viele poetische Leute aber ich kenn wirklich wenig lustige Menschen. Humor ist nicht automatisch etwas Flaches, sondern eher etwas sehr Manipulatives – auch auf rhetorischer Ebene. Ich finde die Identitären so gefährlich, weil sie selbstironisch sind. Man liest von ihnen und plötzlich findet man sie fast sympathisch. Humor ist eine rhetorische Macht.

Also schreiben Sie über ernste Themen, weil der Humor durch sie funktioniert, oder weil Ihnen Themen wie Feminismus wichtig sind?

Ich denk nicht so viel darüber nach. Ich hab nie politische Theorien gelesen, aber ich hab schon Werte und einen Gerechtigkeitssinn. Ich wurde politisch in der linksradikalen Szene sozialisiert. Ich hatte ein Interview mit Betreiberinnen eines feministischen Blogs. Zu denen sagte ich, dass ich nicht so feministisch bin. Aber wenn es um das Binnen-I geht, dann bin ich natürlich auf deren Seite, weil die Gegner einfach dumm sind. Aber innerhalb der feministischen Szene würde mich auch viel stören. Ja sicher bin ich feministisch aber was bedeutet das überhaupt?

Sie schreiben gerne über Fäkalien. Fasziniert Sie das Grausliche?

Damit hat das nicht viel zu tun. Es hat eher mit Ehrlichkeit zu tun. Ich find es lustig, weil es ehrlich ist. Das Grausliche ist auch lustig, weil die Leute in sozialen Medien eher positive und schöne Sachen teilen. Man hat immer das Gefühl, alle haben ein sehr schönes Leben. Gerade dann finde ich es lustig, wenn man die grauslichen Sachen teilt. Das beruhigt die Leute.

An Ihren Texten merkt man die Vorliebe für das Absurde. Haben Sie da Vorbilder?

Nein, überhaupt nicht. Mich hat kein Buch beeinflusst, sondern eher gesprochene Sprache. Das, was ich mache, entsteht eher daraus, dass ich unterwegs bin und den Leuten zuhöre und weniger, dass ich intellektuell daheim sitze und mich mit Sprache theoretisch auseinander setze.

Reizt es Sie wirklich nicht, einen längeren Text zu schreiben – etwa einen Roman?

Nein, da fehlt mir die Konzentration. Vielleicht funktioniert das irgendwann. Es kann ja sein, dass ich mich irgendwann behandeln lasse. An sich gefallen mir meine langen Texte schon, aber es macht mir überhaupt keinen Spaß, sie zu schreiben. Wenn ich längere Texte für Medien schreiben muss, bekomme ich Angst. Und ich weiß auch gar nicht, wie das geht. Leute, die wirklich Romane schreiben, probieren das schon sehr lange. Ich bin auch gerne unterwegs, ich bin sehr sozial, ich bin nicht gerne alleine. Ich will nicht daheim sitzen und schreiben, ich will unterwegs sein. Vielleicht würde ein Roman auch alles verfälschen. So wirken meine Texte sehr "real" - das mögen die Leute.

Nun publizieren Sie Ihr zweites Buch, schreiben - unter anderem - für die "Süddeutsche Zeitung", bekommen Stipendien und unterrichten an der Kunst-Uni Linz. Müssen Sie wirklich noch im Callcenter arbeiten?

Naja, ich müsste vielleicht nicht, aber dann müsste ich mehr Auftragstexte schreiben, was ich sehr ungern mache. Außerdem brauche ich eine gewisse Tagesstruktur. Heute habe ich von sieben bis elf arbeiten müssen, was ein guter Grund war, gestern nicht trinken zu gehen. Wenn du freiberuflich arbeitest, brauchst du Selbstdisziplin - die habe ich nicht. Falls ich aufhöre, im Callcenter zu arbeiten, weil es finanziell passt, würde ich sogar Freiwilligenarbeit machen. Selbstverantwortung zwingt einem nicht zu einer Tagesstruktur, aber Verantwortung für andere schon.

Aber ist das Callcenter nicht auch eine schöpferische Quelle?

Ich bin schon inspirierter wenn ich spazieren gehen, als wenn ich dort sitze. Wenn ich durch die Stadt gehe, bin ich in einem Rausch, da fallen mir die besten Sachen ein. Das Callcenter ist überhaupt nicht lustig. Ich finde diese Dialoge auch überhaupt nicht lustig. Ich stelle sie wirklich nur online, weil ich merke, die anderen finden das lustig. Aber ich finde sie sehr banal. Jeder, der in einem Dienstleistungsjob arbeitet, führt diese Dialoge. Ich bin nur die, die sie aufschreibt.

Wollten Sie schon immer Autorin werden?

Nein, wenn mich als Kind jemand fragte, was ich werden will, hab ich immer Zeichnerin oder Grafikerin gesagt. Vielleicht ist das am Schulsystem gelegen. Dort durfte das Schreiben nicht kreativ sein. Ab 15 Jahren haben wir nur noch Literaturbesprechungen gemacht. Der Zeichenunterricht war aber immer kreativ. Beim Zeichnen kann man sehr intuitiv sein. Bei kurzen Texten auch.

Ist es immer noch Ihr Traum, Künstlerin zu werden?

Ich hab keinen Traum. Ich bin sehr froh, dass das, was ich schreibe, gelesen wird. Ich hatte große Zukunftsängste. Also nicht, weil ich Angst davor hatte, dass ich kein Talent hätte, sondern weil ich mir dachte, ich schaffe nichts. Nicht einmal das Kunststudium - wo man eh nur drei Vorlesungen pro Semester machen muss - habe ich abgeschlossen. Ich habe es mit 17 nicht geschafft in die Schule zu gehen, weil ich es einfach nicht geschafft habe aufzustehen. Nur was ich impulsiv nebenbei mache, wird zu einer Möglichkeit. Aber eigentlich hätte ich die kognitiven Fähigkeiten für mehr. Ich könnte auch Bürgermeister werden. Jetzt kommt wieder der Größenwahn durch.

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Dokument erstellt am 2015-10-15 14:42:51
Letzte Änderung am 2016-03-27 11:22:43


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