• vom 01.04.2006, 00:00 Uhr

Literatur


Aufklärer und Journalist

Hutter: Rasierklingen im Kopf




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Von David Axmann

  • D er junge Alexander eroberte Indien. / Er allein? / Cäsar schlug die Gallier. / Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?" So fragt ein lesender Arbeiter in einem bekannten Brecht-Gedicht; die aus der sozusagen aufgelegten Antwort zu ziehende Quintessenz trifft auf nahezu alle historischen Ereignisse zu. Zum Beispiel auch auf den Kampf des Sprach- und Moralverteidigers Karl Kraus gegen den Revolverjournalisten Emmerich Békessy. Dieser hatte in der Inflationszeit (1922/23) in Wien mehrere Zeitungen gegründet, durch die er das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt zu beherrschen suchte.

Der aus Budapest zugewanderte Békessy spielte sich in seiner Skandalpresse als "unabhängiger Enthüller" auf, trieb aber in Wahrheit skandalöse, kriminelle Geschäfte mittels Korruption und Erpressung von Firmen und Privatpersonen. Von Karl Kraus in der "Fackel" und in Vorlesungen mit polemischem Furor attackiert ( "Hinaus aus Wien mit dem Schuft!" ), floh der "Presspirat" schließlich 1926 nach Paris. Der Sieg eines unerbittlichen Einzelkämpfers? Nun, auch Kraus kam im Kampf gegen Békessy nicht ohne treue Helfer und Mitstreiter aus (was der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt blieb).


Einer, der dem "Fackel"-Herausgeber in diesem Fall zur Seite stand, war der Journalist Ernst Spitz. Er hatte selbst eine Zeitlang für das Békessy gehörende Blatt "Die Stunde" gearbeitet (wie übrigens auch der damals noch blutjunge, später in Hollywood zu Weltruhm gelangende Billy Wilder), sich dann aber mit Abscheu von der dort gängigen Praxis abgewandt, "durch Androhung von Angriffsartikeln Geld und Inserate zu erpressen" - und schließlich eine Streitschrift unter dem Titel "Békessys Revolver" veröffentlicht. Von jener wichtigen Episode im Leben des Ernst Spitz berichtet Andreas Hutter (Kultur-Ressortleiter im "Neuen Volksblatt") in der von ihm verfassten Biografie dieses "Literaten, Journalisten, Aufklärers" ausführlich, präzis, emphatisch - wie überhaupt das ganze Buch sich als ein weitgehend geglücktes Mischprodukt aus literaturwissenschaftlicher Gründlichkeit und persönlichem Engagement erweist.

Ernst Spitz, 1902 im siebenbürgischen Kronstadt geboren, wächst als Sohn eines jüdischen Großkaufmanns und Bankdirektors in Wien auf, wird in jungen Jahren Kommunist, dann Journalist bei der "Roten Fahne", dem linken "Abend" und (wie erwähnt) der "Stunde"; 1933 geht er nach Paris, kommt in Kontakt mit dem deutschsprachigen Exilkabarett, kehrt 1935 nach Wien zurück und arbeitet als Autor an den Cabaretbühnen "ABC" und "Theater für 49" mit. Im Juni 1938 wird Ernst Spitz verhaftet und ins KZ Dachau, von dort ins KZ Buchenwald gebracht, im Februar 1939 zwar entlassen, vier Monate später aber erneut in Buchenwald inhaftiert, wo er im Juni 1940 "auf der Flucht erschossen" wird.

Andreas Hutters Spitz-Biografie (die durch einige exemplarische Reportagen und Feuilletons dieses nahezu unbekannten journalistischen Aufklärers ergänzt wird) ist ein bemerkenswerter Beitrag zum Verständnis unserer kulturellen und politischen (immer noch gern verdrängten) Vergangenheit.
Andreas Hutter: Rasierklingen im Kopf. Ernst Spitz - Literat, Journalist, Aufklärer. Eine Biografie und ein Lesebuch. Mandelbaum Verlag, Wien 2005, 301 Seiten.



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2006-04-01 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-03-31 16:25:00

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