• vom 11.03.2006, 00:00 Uhr

Literatur


Ein gastfreundlicher Totschläger

Vertlib: Mein erster Mörder




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Von David Axmann

  • Das fängt ja gut an, das neue Buch Vladimir Vertlibs, nämlich so: "Der Mörder hat mich zum Abendessen eingeladen." Sieben Jahre ist er in der Haftanstalt Stein gesessen, und der Mord in Wahrheit ein Totschlag im Affekt gewesen. Leopold Ableitinger, so heißt der gastfreundliche Totschläger, damals Angestellter in der Verrechnungsabteilung eines Salzburger Gastronomiebetriebs, verheirat, Vater zweier Kinder, machte während einer Radtour eine kleine Pause, und zwar auf einer Bank neben einer Blockhütte. Leopold "zündete sich eine Pfeife an und begann, Zeitung zu lesen" . Da kommt der Besitzer der Blockhütte des Weges, ein flotter, frecher Jüngling in einem roten Cabriolet, "schau dass d' weiterkommst!" fährt er Leopold an, ein Wort gibt das andere, "wenn ich dich das nächste Mal seh, fahr ich dich nieder!" brüllt der Schnösel - da sticht Herr Ableitinger mit der Pfeife zu, "das Mundstück drang durch das linke Auge in das Gehirn" . Ein starker Raucher.

Diese tödliche Episode ist aber nur die Exposition zu der Jugendgeschichte des Gastgebers, welche zum Nachtisch erzählt wird. Sie spielt 1957 in Wien. Leopold, ein Kind proletarischer Herkunft mit dem heftigen Drang, sich gegen alle peinlichen Widerstände in der Mittelschule als Klassenprimus zu behaupten, lernt nicht nur die unverhohlenen Äußerungen immer noch wacker-arischer Weltbildträger kennen, sondern in den Tagebuchaufzeichnungen seiner Großtante auch ein sorgsam verschwiegenes Familiengeheimnis. Leopolds Vater war knapp vor Kriegsende als Volkssturmmann zur Begleitung sogenannter Todesmärsche von KZ-Häftlingen abkommandiert worden, doch er hat, wie er seinem Sohn unter Tränen gesteht, "nur patrouilliert, aber geschossen habe ich nicht . . . Glaubst du mir das, Leo?"


Das ist der kurz gefasste Inhalt der ersten von drei Lebensgeschichten, aus denen Vertlibs Buch besteht. Sie ist in literarischer Hinsicht die am besten geglückte. In diese Geschichte hat der Erzähler Vertlib (der sein episches Talent mit den Romanen "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" und "Letzter Wunsch" schon bewiesen hat) mit erfahrener Hand eingegriffen und sie nach bewährten Konstruktionsregeln gestaltet. In den beiden anderen Fällen hat er sichs zu leicht gemacht. Die "drei Prosatexte haben" nämlich, wies in einer Vorbemerkung heißt, "einen realen Hintergrund . . . Die Geschichte Nach dem Endsieg basiert im Wesentlichen auf den Erinnerungen des Wiener Malers Roman Haller."

Vertlib hat also ihm erzählte Geschichten nacherzählt. Ein Tonband stand auf dem Tisch und nahm auf, was die drei realen Personen aus ihrem Leben berichten wollten. Später unterzog der Autor die Tonbandabschriften einer nach dramaturgischen Gesichtspunkten angelegten Filterung und versuchte, eine Nacherzählfassung zu produzieren. Das ist ihm, wie gesagt, im Fall seines "Ersten Mörders" auf literarisch überzeugende Weise gelungen. Die beiden anderen, anrührenden und aufschlussreichen Geschichten haben allerdings eher den Charakter feuilletonistisch bearbeiteter "Oral History"-Zeugnisse als den durchkomponierter Prosastücke.

Schade, denn sowohl die Erlebnisse Roman Hallers während des Zweiten Weltkriegs als auch die großteils schweren, bitteren Lebenserfahrungen der Renate Reisner, der Tochter einer Tschechin und eines getauften, deutsch-jüdischen Böhmen, hätten sich mindestens ebensoviel kunstverständigen Gestaltungswillen verdient wie Leopold, der Pfeifenstecher.

Das Buch wird am Dienstag, den 14. März, um 19.00 Uhr in der Hauptbücherei, Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien, präsentiert.

Vladimir Vertlib: Mein erster Mörder. Lebensgeschichten. Deuticke Verlag, 2006, 255 Seiten



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-03-11 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-03-10 16:51:00


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