• vom 11.11.2005, 16:56 Uhr

Literatur

Update: 11.11.2005, 17:00 Uhr

Literatur

Die Erben Ivan Vasovs




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Von Hermann Schlösser

  • Ein Besuch bei bulgarischen Schriftstellern und Journalisten

Mirela Ivanova vor dem Porträt von Ivan Vasov. Fotos: Schlösser

Mirela Ivanova vor dem Porträt von Ivan Vasov. Fotos: Schlösser Mirela Ivanova vor dem Porträt von Ivan Vasov. Fotos: Schlösser

Wer kein Bulgarisch spricht, und nicht einmal die kyrillische Schrift lesen kann, könnte in der Millionenstadt Sofia leicht die Orientierung verlieren. Die Journalisten jedoch, die vor kurzem auf Einladung der Wiener "Alten Schmiede" das literarische Leben der bulgarischen Hauptsadt erkundeten, mussten keine Angst haben, vom Weg abzukommen. Sie wurden von Rumjana Zacharieva und Thomas Frahm am Flughafen in Empfang genommen, und nach vier Tagen dort wohlbehalten wieder abgeliefert.


Die Schriftstellerin Rumjana Zarachieva ist in Bulgarien geboren, hat aber wie viele Intellektuelle ihre Heimat zur Zeit des Kommunismus verlassen. Seit 1970 lebt sie in Deutschland und publiziert in deutscher Sprache. Zurzeit arbeitet sie an einem Roman mit dem programmatischen Titel "Transitvisum durchs Leben". In der neu erschienenen Bulgarien-Ausgabe der Zeitschrift "Wespennest" findet sich ein Auszug daraus: Mila, eine Bulgarin, wandert nach Deutschland aus und verliert dadurch ihren Geliebten, der sich zur Auswanderung nicht entschließen kann.

Das Denkmal des Staatsmannes Stefan Stambolov ist ein markanter Punkt in Sofias Innenstadt. Der Schnitt im Haupt des "bulgarischen Bismarck" soll daran erinnern, dass er 1895 einem Attentat zum Opfer fiel.

Das Denkmal des Staatsmannes Stefan Stambolov ist ein markanter Punkt in Sofias Innenstadt. Der Schnitt im Haupt des "bulgarischen Bismarck" soll daran erinnern, dass er 1895 einem Attentat zum Opfer fiel. Das Denkmal des Staatsmannes Stefan Stambolov ist ein markanter Punkt in Sofias Innenstadt. Der Schnitt im Haupt des "bulgarischen Bismarck" soll daran erinnern, dass er 1895 einem Attentat zum Opfer fiel.

Rumjana Zacharieva selbst lernte in Deutschland den Duisburger Lyriker, Übersetzer und Verleger Thomas Frahm kennen. Die beiden machen kein Geheimnis daraus, dass sie eine Zeit lang verheiratet waren, und zunächst in Deutschland, dann in Sofia zusammen lebten. Doch trennten sich ihre Wege, die Bulgarin kehrte wieder nach Deutschland zurück und lebt heute in Bonn, der Deutsche blieb als Übersetzer und Journalist in Sofia. Viele Texte der bereits erwähnten "Wespennest"-Ausgabe wurden von Frahm übersetzt.

Menschen, die zwischen den Sprachen und Kulturen leben, sind meist gute Übersetzer und inspirierende Vermittler. Auch die österreichischen Journalisten hätten auf ihrer kurzen Reise nach Sofia ohne Rumjana Zacharievas und Thomas Frahms Unterstützung vieles entweder nicht gesehen oder nicht verstanden.

Allzu gut weiß der durchschnittlich informierte Mitteleuropäer über Bulgarien ja nicht Bescheid, geschweige denn über Sofia. Zwar vermutet er, dass die Plattenbau-Viertel, die der Bus auf seinem Weg vom Flughafen in die Stadt durchquert, aus der Zeit des Kommunismus stammen. Doch verwandelt sich die Vermutung in eine Gewissheit, wenn Thomas Frahm berichtet, dass diese Vororte heute noch die Namen "Druschba 1" und "Druschba 2" tragen. "Druschba", das bulgarische wie das russische Wort für "Freundschaft", spielte in den kommunistischen Gemeinschaftsritualen eine große Rolle, taugte also auch zur Benennung von Wohnvierteln.

Allerdings sind Druschba 1 und 2 nicht mehr das, was sie einmal waren. Auf dem Dach eines besonders hohen Hauses ist ein Plakat abgebracht, das in lateinischen Buchstaben und englischer Sprache verkündet: "Guys, this is not L.A. but it is a cool place too".

Diese Meldung amüsiert den Neuankömmling, zumal er sie problemlos entziffern kann. Die Gespräche, die er in den folgenden Tagen mit bulgarischen Schrifstellern führt, belehren ihn allerdings darüber, dass Sofia zumindest in den Augen der Literaten kein "cool place" ist und wohl auch keiner werden soll. Stattdessen präsentieren sich die Schriftsteller als Repräsentanten einer eigenständigen Kulturnation mit einem reichen künstlerischen und literarischen Erbe.

Der Ahnherr der Moderne

Die Aufforderung "Nennen Sie den bedeutendsten Schriftsteller Bulgariens!" dürfte hierzulande selbst Literaturkenner in Verlegenheit bringen. In Bulgarien fällt die Antwort einhellig aus: Der Begründer der modernen bulgarischen Nationalliteratur ist Ivan Vasov gewesen, der von 1850 bis 1921 gelebt hat. Wer diesen Autor auf Deutsch kennen lernen will, hat dazu nicht viel Gelegenheit. In der alten DDR waren einige seiner Bücher erhältlich, doch die sind längst vergriffen. Die Anthologie "Bulgarien Prosa", die gerade im Klagenfurter Wieser Verlag erschienen ist, enthält immerhin zwei kurze Dorferzählungen Vasovs. Sie zeigen diesen äußerst produktiven Romancier, Lyriker, Novellisten und Essayisten von seiner patriotischen Seite: In der Geschichte "Großvater Joco schaut" beschreibt Vasov den blinden alten Bauer Joco, der sein Leben als Knecht der Türken verbracht hat, und dem es schließlich im hohen Alter noch vergönnt ist, die ersten Vorboten der bulgarischen Unabhängigkeit zu erleben.

Mit derselben Thematik befasst sich auch Vasovs einflussreichster Roman: "Unter dem Joch" schildert die Leiden der Bulgaren unter der türkischen Herrschaft, die rund 500 Jahre andauerte. (Rumjana Zarachieva weist darauf hin, dass man in Bulgarien auf wenig Gegenliebe stoße, wenn man das Wort "Türkenjoch" durch sachlichere Bezeichnungen wie "Osmanenpräsenz" ersetzen wollte. Wie die beiden EU-Aspiranten Bulgarien und die Türkei mit dieser historischen Erblast in Zukunft umgehen werden, wird sich zeigen.)

1926, fünf Jahre nach Vasovs Tod, wurde das "Literaturmuseum Ivan Vasov" eröffnet. Dort kann man die Wohnung des Dichters besichtigen und verwundert feststellen, dass in seinem Arbeitszimmer ein ausgestopfter Hund steht, der auf ein Holzbrett mit vier Rollen montiert ist.

Die Lyrikerin Mirela Ivanova, die zugleich die Leiterin der Vasov-Gedenkstätte ist, erklärt auf Deutsch die literarische Bedeutung des bulgarischen Klassikers: Nicht wegen seiner nationalen Gesinnung sei Vasov der wichtigste bulgarische Schriftsteller, sondern weil er einen Wortschatz von rund 40.000 Wörtern in seinen Büchern verwendet habe. Dadurch habe er das Bulgarische literaturfähig gemacht.

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Schlagwörter

Literatur, Literarisches Buch

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Dokument erstellt am 2005-11-11 16:56:30
Letzte Änderung am 2005-11-11 17:00:00


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