• vom 06.05.2008, 14:20 Uhr

Literatur

Update: 06.05.2008, 14:28 Uhr

Sachbuch

Obama, Barack: Ein amerikanischer Traum




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Von Engelbert Washietl

  • Eigentlich unglaublich, dieser Mister Obama
  • Obamas Wahl wäre für die USA eine neue Kategorie.
  • Seine Sicht eines musealen Europa.
  • Das Buch hat Stärken und Schwächen. Sein Vorzug, der es lesenswert macht: Es wurde nicht vom heutigen Präsidentschaftskandidaten verfasst, sondern "nur" von einem gewissen Barack Obama, der im Erscheinungsjahr der Originalausgabe 1995 nicht danach schielen musste, ob jeder Satz kompatibel mit den Grundeinstellungen der größtmöglichen Mehrheit der Amerikaner ist. Auch der Job als Senator war nicht in Sichtweite.

Barack Obama mit seiner Frau Michelle. Foto: epa

Barack Obama mit seiner Frau Michelle. Foto: epa Barack Obama mit seiner Frau Michelle. Foto: epa

Obama schrieb die "Dreams of my Father", nachdem er als Harvard-Student zum ersten afro-amerikanischen Präsidenten der Fachzeitschrift Harvard Law Review gewählt worden war. Er war "überzeugt, anhand der Geschichte meiner Familie einen Beitrag zum Verständnis der Rassenprobleme in unserem Land und der Identitätsbrüche leisten zu können, der Ungleichzeitigkeiten und kulturellen Differenzen".


Je näher Obama dem Weißen Haus rückt, desto wichtiger werden seine Erinnerungen, die lebendig geschrieben und mit tagebuchartigen Details angereichert sind. Was Obama über seine Entstehungsgeschichte zusammenträgt, ist die radikale Zerstörung eines Bildes, das man sich bisher von der Laufbahn eines in die höchste politische Klasse gelangten Amerikaners machen durfte. Das liegt nur in zweiter Linie an seiner Hautfarbe.

Als Sohn einer weißen Amerikanerin und eines Kenianers in Hawaii geboren, verschlug es ihn als Schulkind nach Indonesien. Seine Mutter hatte einen Indonesier geheiratet, nachdem sein Vater nach kurzem Intermezzo die Familie verlassen hatte und nach Kenia zurückgekehrt war. "Mein Vater war ein Mythos für mich, übergroß und irreal." Er hätte seinen Sohn Barack gern nach Afrika geholt, weil nur dort die afrikanische Identität zu finden und zu leben sei.

Aber erst lange nach seinem Studium in Harvard und gegen Ende seiner Sozialarbeitszeit kam Obama zu Besuch nach Nairobi, begrüßt und umsorgt von seinen afrikanischen Verwandten. Und immer wieder begegnete er dem Mythos Vater, der zu dem Zeitpunkt schon tot war. "Nun gehörte auch ich zur Familie. Aber was hieß das konkret?", fragt sich Barack Obama. Er hakt ab, was er ist und macht mehr Häkchen bei dem, was er nicht ist. Doch kein richtiger Schwarzer, aber auch kein richtiger Firmenjurist oder Geschäftsmann aus den USA, kein Superreicher, ja zum damaligen Zeitpunkt sogar in Geldnot. Ein glänzender Student und Karrierist, aber doch auch einer, der den Drogenrausch nicht nur aus Büchern kennt. Dem aber die weißen Amerikaner diese Verfehlung am wenigsten als Schlechtpunkt anzurechnen scheinen - was denn, er ist ja Afro-Amerikaner!

"Meine Identität hört nicht bei der Hautfarbe auf", schrieb er. Seine kritischen Äußerungen darüber wie leichtfertig viele Farbige eigene Unzulänglichkeiten durch pauschalen Hass auf die Weißen, durch "Nationalismus" übertünchen, klingen authentisch.

Manchmal ist er langatmig, aber nie uninteressant. Er kennt sich aus, man teilt sein Entsetzen, wenn er erfährt, wie sich manche Schwarze künstlich eine hellere Hautfarbe zu beschaffen versuchen und dabei schwere Schäden erleiden. Man lernt etwas von der - Weißen meist fremden - Realität in farbigen Kommunen und versucht nachzuvollziehen, warum eine schwarze Mutter ihr schwarzes Kind im Zorn "Nigger" nennt und damit sagen will, dass sie es für unausstehlich hält.



Veränderungen wie bei John F. Kennedy?
Obama auf dem Weg ins Weiße Haus? Als Präsident könnte er Bewusstseinsveränderungen herbeiführen, wie sie seit John F. Kennedy nicht mehr zu beobachten waren. Was das für die übrige Welt bedeutet, ist Spekulation. Den Europäern hat er im Wahlkampf bereits angekündigt, dass auf sie mehr zukommen würde und dass die USA "den Dreck" nicht immer allein machen möchten, wenn beispielsweise in Afghanistan nicht nur beobachtet, sondern geschossen wird.

Im Buch erwähnt er einen dreiwöchigen Europatrip. "Zwischen mir und all diesen Orten, die mir wie museale Ausstellungsobjekte erschienen, stand meine eigene unvollständige Geschichte." Schön war Europa schon, alles genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. "Nur hatte es nichts mit mir zu tun."

Barack Obama: Ein amerikanischer Traum. Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork. Carl Hanser Verlag, 546 Seiten, 24,90 Euro.




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Dokument erstellt am 2008-05-06 14:20:59
Letzte Änderung am 2008-05-06 14:28:00


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