• vom 25.10.2007, 17:03 Uhr

Literatur

Update: 29.10.2007, 17:04 Uhr

Sachbuch

Intrigen, Bomben und Sanktionen








Von Andreas Unterberger

  • Die beiden großen Österreicher Fritz Molden und Paul Lendvai erinnern sich
  • Dieser Herbst hat zwei Bücher auf den Markt gebracht, die für die Aufarbeitung der zweiten Republik fast unverzichtbar sind: Die beiden prominenten Journalisten Paul Lendvai und Fritz Molden haben politische Erinnerungen geschrieben. Beide sind ausgewiesene Gegner des Nationalsozialismus. Beide sind blendende Schreiber mit einem scharfen politischen Kopf. Beide haben aber auch etwas getan, was politische Vollblut-Journalisten eigentlich nicht tun sollten: Sie haben in wichtigen Phasen der Geschichte zeitweise die Grenze vom Beobachter zum politischen Akteur überschritten.



Der aus dem Widerstand kommende Molden tat dies vor allem 1945 als Assistent von Karl Gruber, der zuerst in Tirol und dann im Außenministerium die politische Führung übernommen hatte. Der aus Ungarn geflüchtete Lendvai war vor allem in jenen zwei Phasen ein wichtiger Mitspieler, da das Ausland Österreich mit so absurden wie unberechtigten Vorwürfen zu demütigen versucht hat. Beide aber - und das ist ihre größte Leistung - haben ihre politischen Exkursionen unbeschadet überstanden und sind anerkannte, unabhängig denkende Vollblut-Journalisten geblieben.




Kritische Einwände
Bei allem Respekt für beide darf man aber kritische Anmerkungen zu ihren Büchern nicht unterdrücken. Moldens Werk hätte dringend einer besseren Betreuung durch einen historisch sachkundigen Lektor bedurft. Der Autor bringt vor allem in Hinblick auf die jüngere Vergangenheit manche Details durcheinander, springt oft von einer Epoche in eine andere, wiederholt Aussagen - als wären Tonband-Transkripte ohne die mühsame Knochenarbeit des Redigierens lieblos aneinandergeklebt worden.

Für die letzten Jahre der jüngeren Geschichte sinkt Moldens Insiderwissen überdies auf das relativ niedrige Niveau eines unterdurchschnittlichen Zeitungslesers hinab. Seine ständig wiederkehrende Kritik am Proporzsystem (dem er ausgerechnet die Sozialpartnerschaft lobend entgegenstellt!) trifft nach der großen Welle der Privatisierungen den Kern der österreichischen Probleme nicht mehr so wie in den 60er Jahren. Umso faszinierender liest sich Moldens Bericht über die ersten Nachkriegsjahre.

Bei Lendvai hingegen findet man kein einziges falsches Faktum. Sein Buch hat ein anderes Problem: Lendvais allzu große Ich-Bezogenheit. Er stellt seine Interviews oft als die entscheidenden Höhepunkte der Politik dar, und spricht überhaupt ein bisschen zu oft von sich selbst.

Beide Autoren sind aber trotz dieser kleinen Einschränkungen weit bessere Berichterstatter über die zweite Republik als die meisten Wissenschafter. Denn beide haben den Durchblick großer alter (Staats-)Männer, während sich die Wissenschaft gerne entweder in Details verliert oder eine schwere Schlagseite hat. Auffällig ist auch die Gemeinsamkeit in der Einschätzung zweier Schlüsselphasen der Republik. Erstens teilen beide Autoren eine extrem hohe Wertschätzung für Bruno Kreisky, zweitens die Gewissheit, dass die Österreich belastende Kampagne gegen Kurt Waldheim mit allen Langfristfolgen von der SPÖ ausgegangen ist.

Einige spannende Details sollten besonders hervorgehoben werden: Moldens Lob für Frankreich als einziger Siegermacht, die in der Südtirolfrage an Österreichs Seite gestanden ist. Oder seine Schlussfolgerung, dass im Herbst 1945 die Einheit Österreichs - nach heftigen Kontroversen zwischen Gruber und Renner - im letztmöglichen Moment gerettet worden ist, bevor der Kalte Krieg sie blockiert hätte. Oder seine Schilderungen, wie hochmütig er als junger Ex-Widerstandskämpfer ohne Bildungsabschluss von den Diplomaten am Ballhausplatz behandelt worden ist; wie sich ein junger Kurt Waldheim als Diplomat beworben hat - und wie der darauf überprüfte Gau-Akt Waldheims diesen wörtlich als "katholisch-reaktionären" NS-Gegner gezeigt hat, der "für keinerlei Einsatz in nationalsozialistischen Institutionen aller Art geeignet" sei; wie sich ganz ähnlich, nur besser gekleidet, der aus dem Exil zurückgekehrte Bruno Kreisky um einen Posten beworben hat - und wie dessen Engagement auf überraschende Anti-Emigranten-Emotionen Adolf Schärfs gestoßen ist; wie Molden 1946 in der Schweiz mit westlichen Geheimdienst-Exponenten die Gefahren eines kommunistischen Staatsstreichs - und die Verlegung der Regierung nach Salzburg - diskutiert hat; wie mit Franz Olah an der Spitze der antikommunistische Widerstand vorbereitet worden ist; wie sich Molden selbst nur durch Flucht nach Amerika einer Verhaftung durch die Sowjets entziehen hat können.

Wer Moldens Schilderungen der ersten Nachkriegsjahre schnell aus der Hand legt, kann kein historisches oder politisches Interesse haben, so spannend lesen sich jene Jahre. (Auch wenn sich der Autor selbst über die "politisch korrekte" Generation ärgert, die diesen Teil der Geschichte ausklammern will.)

Noch einmal wird das Buch explosiv: Wenn Molden die Entwicklung des Südtiroler Widerstandes sowie seine und Kreiskys Rolle dabei schildert. Er berichtet von Kreiskys Bekenntnis, dass es um der guten Sache willen "auf ein paar gesprengte Masten" in Südtirol nicht angekommen sei.

Moldens halb-kroatische Abstammung (seine Mutter war die Bundeshymnen-Dichterin Paula Preradovic) verhalf ihm später zu einer guten Gesprächsbasis mit dem jugoslawischen Diktator Tito. Dieser berichtete ihm, dass Jugoslawien nach dem Krieg Waldheim belastende Dokumente gefälscht habe, um den Diplomaten bei den Verhandlungen über die Kärntner Grenze unter Druck setzen zu können; diese Fälschungen seien aber wegen des Bruchs mit Stalin nutzlos geworden. Kein Wunder, dass Molden sehr emotional wird, wenn er auf die spätere Anti-Waldheim-Kampagne von SPÖ, "Profil" und Jüdischem Weltkongress zu sprechen kommt.

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Dokument erstellt am 2007-10-25 17:03:43
Letzte Änderung am 2007-10-29 17:04:00



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