• vom 24.11.2018, 14:00 Uhr

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Der große und der kleine Tod




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Von Wend Kässens

  • Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, ein ausgewiesener Japan-Kenner, schickt sein Alter Ego auf komplexe Parallelexkursionen nach Fukushima.

Wurde selbst in das verstrahlte Umfeld des Atomreaktors Fukushima eingeladen: Adolf Muschg. - © Ullsteinbild/Schleyer

Wurde selbst in das verstrahlte Umfeld des Atomreaktors Fukushima eingeladen: Adolf Muschg. © Ullsteinbild/Schleyer

Keine Fake News! Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, verheiratet mit einer Japanerin, wurde vor wenigen Jahren mit einer Einladung aus Japan konfrontiert: Der Bürgermeister eines Dorfes aus dem verstrahlten Umfeld des Atomreaktors Fukushima 1 bat ihn zu einem Gespräch nach Japan. Er "wünschte, sich mit mir darüber zu unterhalten, ob man vielleicht in dem Sperrgebiet der Katastrophe eine Künstlerkolonie einrichten könne". Das erzählte der inzwischen 84-jährige Autor dieser Tage in einem Interview. Sein Roman "Heimkehr nach Fukushima" macht die literarische Probe aufs Exempel, nicht als bittere Satire, sondern in konkreter Anschauung von Menschen, menschlicher Psyche und Gegebenheiten vor Ort.



Adolf Muschg, von dem es ein umfangreiches Werk aus Romanen, Erzählungen, Reden, Essays, Theaterstücken und Hörspielen gibt, schickt den Schriftsteller, Literaturwissenschafter und Architekten Paul Neuhaus auf die Reise nach Japan. Er ist - wie Muschg selbst - ein Kenner des Landes.

Information

Adolf Muschg
Heimkehr nach Fukushima

Roman. C.H. Beck, München 2018, 244 Seiten, 22,70 Euro.

Projekt Künstlerkolonie

Pauls Beziehung zur jüngeren Partnerin Suzanne scheint erschöpft. Die Einladung, auf den Weg gebracht von ehemaligen japanischen Studenten, dem Ehepaar Ken und Mitsuko, sorgt für Verstimmung in Pauls Glashaus im Schwarzwald. War da einmal was zwischen den Paaren? Suzanne will nicht mit nach Japan, lieber nach Berlin. Paul, dessen Buch "Hier und Jetzt" in Japan für Furore gesorgt hat, will sich in Japan selbst ein Bild machen von der Situation. "Er war allein, und es war entsetzlich. Er war befreit." So verknappt wird hier die innere Zerrissenheit einer Person angedeutet.

Im Hotel "Imperial" in Tokyo ist Paul mit Ken und Mitsuko verabredet. Aber auch die streiten. Mitsuko stammt aus dem Ort Yoneuchi im Sperrgebiet, ehemals 6000 Einwohner zählend, im März 2011 zu spät evakuiert, ein toter Ort nun, aber immer noch eines der "schönsten Dörfer" Japans, wie es in einer Werbung heißt. Onkel Irie, ihr Vormund, war dort Bürgermeister. Er sieht die sozialen Verwerfungen bei der nun schon mehrere Jahre in Notlagern außerhalb des Sperrgürtels hausenden Bevölkerung als das größte Problem. Dagegen scheinen ihm die Folgen der Strahlenschäden verkraftbar, wenn der Krebs erst Teil des Alltags geworden ist. Mitsuko unterstützt seine Überlegung, Künstler aus aller Welt einzuladen und damit zu signalisieren, dass man zurück könne in die verlorene Heimat.

Ken hingegen sieht das ganz anders. Er fühlt sich bereits krank. In wütendem Furor führt er die offiziellen Visionen und Verlautbarungen der Regierung ad absurdum, die Japan wie Phönix aus der Asche aus der Katas-trophe aufsteigen sieht. "Die Frist bis zu den Olympischen Spielen 2020 wird zum Saubermachen etwas knapp, wenn man an die Halbwertszeiten von Trivium, Strontium, Cäsium und Konsorten denkt, aber unsere Regierung erklärt: wir schaffen das!" Ken wird Mitsuko und Paul nicht zu Irie begleiten, dessen Projekt nicht unterstützen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-23 14:07:29
Letzte Änderung am 2018-11-23 14:49:54


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