• vom 26.11.2018, 09:30 Uhr

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Von Ingeborg Waldinger

  • Japanisches Mittelalter: "Das Ministerium der Gärten und Teiche" von Didier Decoin.



Katsuro ist ein begnadeter Fischer. Mit nur einem Griff holt er die schönsten Karpfen aus dem Fluss. Aussehen und Konstitution der Fische sind von allergrößtem Belang, sollen sie doch die Teiche des Kaiserhofs von Kyoto zieren. Zweimal im Jahr macht sich der Fischer auf den langen, beschwerlichen Weg, um die bestellten Prachtexemplare abzuliefern - was seinem Dorf eine erhebliche Steuerbefreiung beschert. Nun aber ist Katsuro tot, verschlungen von jenem Fluss, dem so wertvolles Leben entspringt. Somit obliegt es seiner Witwe Miyuki, die Reusen mit Katsuros letztem Fang, befestigt an einer Bambusstange, auf ihren zarten Schultern in die Kaiserstadt zu balancieren.

Information

Didier Decoin
Das Ministerium der Gärten und Teiche

Roman. Übersetzt von Michael von Killisch-Horn. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 348 Seiten, 22,70 Euro.

So beginnt der magische Roman "Das Ministerium der Gärten und Teiche" des französischen Schriftstellers und Regisseurs Didier Decoin. Ganze zwölf Jahre hat der Prix-Goncourt-Träger an diesem Werk gearbeitet, um es mit japanischer Historie, Kulturgeschichte und Folklore zu durchwirken. Erläuternde Anmerkungen verbannt er in knappe Fußnoten, die dem Lesevergnügen dieses so poetischen, philosophischen wie packenden Romans keinen Abbruch tun.

Wie Christoph Ransmayr mit seinem Roman "Cox" (2016), beschwört auch Didier Decoin ein imperiales historisches Asien herauf. War es bei Ransmayr das China des 18. Jahrhunderts, genauer: der Hof des despotischen, machttrunkenen Kaisers, so siedelt Decoin seine Geschichte im Japan des 12. Jahrhunderts an, in der Heian-Epoche, als die höfische Kultur ihre Blütezeit erlebte. Decoins auktorialer Erzähler erschließt uns ein sinnliches Universum, vollgesogen mit Erotik, Gerüchen und Ergüssen, aufgeladen mit Göttern und Geistern, durchkreuzt von gierigen Mönchen, falschen Pilgern, Hofschranzen oder Prostituierten.

Katsuros Witwe entdeckt auf ihrer Reise nichts weniger als Menschheit und Natur in all ihrer Schönheit, Grausamkeit - und Fäulnis. Denn die Kehrseite einer Kultur auf dem Höhepunkt ist der Beginn ihres Niedergangs. In stetem Szenenwechsel zwischen Miyukis erinnertem Eheleben und ihrem abenteuerlichen Marsch nach Kyoto ersteht ein plastisches Panorama des mittelalterlichen Japan. Eines Reiches, dessen große Gegensätze - tiefe Armut auf dem Lande versus Glanz und Raffinement am Kaiserhof, wohl auf viele Feudalsysteme zutrafen.

Ein besonderer Zauber geht von den Szenen großer Anmut aus, etwa dem fabelhaften Tanz der Kraniche, dem sich Miyuki anschließt. Neben seiner ästhetischen und metaphorischen Kraft zeichnet sich dieser Abenteuer- und Liebesroman auch durch eine fein eingewobene Gesellschaftskritik aus. Ein pralles Opus mit einem opulenten Ende.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-23 14:07:29
Letzte Änderung am 2018-11-23 14:56:22


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