• vom 24.11.2018, 12:30 Uhr

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Tango in Tokyo




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Von Gerald Schmickl

  • Mit Literatur und Selbsterkenntnissen durchsetzt: Leopold Federmairs Beobachtungen und Reflexionen des japanischen Alltags.



"Abends mit Seiji in einem Izakaya in Nishiogikubo."

Zugegeben, solche Sätze machen einem die Lektüre von Leopold Federmairs Buch "Tokyo Fragmente" nicht gerade schmackhaft. Aber man sollte sich trotzdem nicht davon abhalten lassen, mit dem (1957) in Oberösterreich geborenen und seit 16 Jahren in Japan lebenden (und in Hiroshima - Deutsch - lehrenden) Schriftsteller, Essayisten und Übersetzer durch die japanische Metropole zu ziehen, zu streifen, zu flanieren.

Information

Leopold Federmair
Tokyo Fragmente

Otto Müller Verlag, Salzburg 2018, 398 Seiten, 24,- Euro.

Denn Federmair ist ein kundiger Flaneur und sensibler Wahrnehmungsästhet, dem und dessen Eindrücken man sich in jeder Hinsicht anvertrauen kann.

Besuch bei Oe

So braucht man auch nur einen Absatz Geduld, und bekommt von ihm alle drei rätselhaften Ingre-dienzien des zitierten Eingangssatzes erläutert. Bei Seiji handelt es sich um einen in Tokyo geborenen Germanistikprofessor, mit dem der Autor im unauffälligen Viertel Nishiogikubo ein Izakaya besucht, ein Lokal, das "aus einem einzigen, ziemlich großen Raum mit einer massiven Theke aus hellem Holz in U-Form in der Mitte" besteht. Noch Fragen?

Die Texte, die in diesem Band enthalten sind und zum Teil bereits in Online-Magazinen veröffentlicht wurden, sind trotz ihrer Nähe zum mündlichen Ausdruck und ihrem Faible für Nebensächliches und Unauffälliges eminent literarisch, weil sie eben alles buchstäblich übersetzen, in und zur Sprache bringen - und zwar, auch wenn der Autor keinen Wert auf "gepflegten Stil" legt, in feinen, reflektierten, vielfach selbstironischen bis -kritischen Sentenzen.

Es sind auch zuvorderst Schriftsteller, die Federmair - zumeist in Buchform - begleiten, die ihn auf seinen Touren inspirieren, mit denen er Zwiesprache hält. Keineswegs nur japanische, wie Osamu Dazai (1909-1948) oder Nobelpreisträger Kenzaburo Oe, den er in dessen Haus besucht, sondern etwa auch die russische Lyrikerin und Essayistin Olga Martynova oder der Salzburger Erzähler Walter Kappacher. Aber nicht nur mit ihnen stimmt Federmair sein Denken und Wahrnehmen ab, setzt es dazu bisweilen in Kontrast, sondern er vergleicht seine japanischen Eindrücke auch mit jenen aus anderen Städten und Ländern, in denen er gelebt hat, wie etwa Buenos Aires oder Mexiko. "Ja, ich vergleiche, denn ohne Vergleiche kann man gar nichts verstehen. Aber ich vergleiche nicht zwischen dem Meinen und dem Anderen, sondern zwischen dem einen Anderen und dem anderen Anderen."

Auf diese Weise und durch manche Wiederholungen wird einem einiges vertraut in der fremden Stadt. Obwohl fragmentarisch angelegt, gibt es in diesem Buch Verbindungslinien und Kontinuitäten. Etwa das Tango-Tanzen, das Federmair auch in Japan pflegt. Oder die Bar Show-ten, die er häufig besucht, um sich dort - u.a. mit Barkeeper Yoshiyuki - zu unterhalten und Musik zu hören. "Das Nachtlokal ist meine Universität", sagt er einmal - und meint es damit durchaus Ernst.

Rührend sind die Passagen, in denen Federmair schildert, wie er mit seiner Tochter Mayuko in ein Krankenhaus muss (sie hat einen Infekt), und sich schämt, "daß ich immer noch nicht imstande bin, den Vornamen meiner Tochter korrekt zu schreiben, obwohl ich ihn doch geübt habe, wenigstens hundertmal . . ."

Überangepasstheit

Andererseits ist Federmair so sehr an dortige Gepflogenheiten angepasst - in seinen Verhaltensweisen, in der Mimik, seiner Zurückhaltung -, dass er einerseits oft japanisch angesprochen wird, sich andererseits für seine Überangepasstheit mitunter selbst hasst.

Man wird in diesen Aufzeichnungen naturgemäß mit vielen persönlichen Eigenschaften des Autors bekannt gemacht, trotzdem ist es in erster Linie ein Buch über Tokyo, über das man jedenfalls deutlich mehr erfährt als aus jenem eines anderen österreichischen Autors, das zwar einen beliebten Stadtteil - "Roppongi" - im Titel trägt, aber "wie üblich von seinem Dorf und seinem Vater handelt", wie Federmair süffisant, aber nicht unrichtig anmerkt. Josef Winkler wird’s aushalten.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-23 14:10:26
Letzte Änderung am 2018-11-23 14:53:58


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