• vom 25.11.2018, 15:00 Uhr

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Die Kunst des Erinnerns




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Von Otto A. Böhmer

  • Der britische Autor Mark Thompson beschwört in seinem späten Romandebüt "El Greco und ich" eine auf Zeitlosigkeit angelegte Kinderfreundschaft.



Mark Thompson, geboren 1958, lebt in New York.

Mark Thompson, geboren 1958, lebt in New York.© David George Mark Thompson, geboren 1958, lebt in New York.© David George

Wenn Erwachsene den Rückblick in ihre Kinder- und Jugendtage wagen und anschließend der Meinung sind, davon auch unbedingt erzählen zu müssen, ist Vorsicht geboten. Zum einen nämlich haben wir gelernt, der Erinnerung nicht mehr so ganz über den Weg zu trauen, speziell, wenn sie weit ausholt und in Bereiche eintaucht, die sich seinerzeit der bewussten Wahrnehmung entzogen haben. Zum andern mutet gerade die Kinderzeit wie ein besonderes Geschenk an, das auch mit einer eigenen Sprache aufwarten konnte, die in nachgereichter Wiedergabe an Charme verliert; - wer sich dennoch daran versucht, läuft Gefahr, ins Anekdotische abzurutschen, was sich dann für Mitglieder nachrückender Generationen so anhört, als erzähle Opa vom Krieg.

Der britische Autor Mark Thompson (Jg. 1958) hat diese Bedenken souverän unterlaufen; sein Roman "El Greco und ich", ein spätes Debüt, beschwört eine Kinderfreundschaft, die, gerade weil sie nicht das glückliche Ende findet, das sie verdient hätte, auf Zeitlosigkeit angelegt ist, - auf all das, was bleibt und zu Herzen geht, gerade wenn Lebenswege abbrechen und das Glück widerrufen wird.

1968er-Jugend

J.J. Walsh, der Ich-Erzähler des Buches, liebt und bewundert seinen Freund Tony Papadakis, genannt "El Greco". Beide Buben sind zehn Jahre jung und unzertrennlich; ihr Lebensstil ist, zurückhaltend gesprochen, an eher zweifelhaften Vorbildern ausgerichtet, sie rauchen, trinken Kaffee, machen um stärkende Drinks aber noch einen Bogen. Ihr Interesse am anderen Geschlecht ist frühzeitig geweckt worden, ohne dass sich daraus bereits eine handfeste Nutzanwendung ableiten ließe. Im Gespräch pflegt man den besonderen Tonfall, der gewöhnungsbedürftig ist, zumal sich El Greco ein Wissen angelesen hat, das kein normaler Zehnjähriger mit sich herumschleppt. Es sei denn, er ist unangenehm altklug und auf bestem Wege, zum Streber zu werden.



Information

Mark Thompson
El Greco und ich

Roman. Übersetzt von Katja Scholtz. Mare, Hamburg 2018, 224 Seiten, 20,70 Euro.

Mark Thompson schert sich auch darum nicht; auf anfängliches Unbehagen, das den Leser befallen mag, kann er keine Rücksicht nehmen, und tatsächlich ergibt sich in diesem Buch ab einem gewissen Zeitpunkt fast alles von selbst. "Mit Kindern ist das so eine Sache", resümiert der Autor gleich zu Beginn. "Wenn sie kleiner sind, finden sie alles um sie herum aufregend, und wenn sie größer werden, zwölf oder dreizehn, werden sie sich ihrer selbst und ihres Aussehens bewusst, und dann interessiert sie alles andere einen Dreck." So also ist das, aber irgendwie doch nicht so ganz, denn einen Roman mittleren Umfangs bräuchte es dann nicht mehr, um sich mitzuteilen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-23 14:13:27
Letzte Änderung am 2018-11-23 14:53:17


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