• vom 01.12.2018, 17:00 Uhr

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Literatur

Die Illusion einer Ganzheit




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Von Alexander Kluy

  • Ehrgeizige literarische Tour de force: Isabella Feimers Erzählung "Monster"

Dieser erste Satz! Schon die Eröffnung in Isabella Feimers "Monster" ist monstermäßig. Der Satz scheint kein Ende zu nehmen, nimmt immer wieder Anlauf, überwindet Komma nach Komma, Absatz nach Absatz und zieht und windet sich schließlich über drei Seiten. Und endet mit drei Worten: "keine ungeklärten Fragen". Was ein Irrtum ist. Denn dieser radikale, radikal zugespitzte, radikal ambitionierte Text gibt kaum Antworten. Vielmehr verschleiert er Wege, Zugänge, Lösungen, vor allem Auflösungen jeglicher Art.



Dafür bietet er im Übermaß Emphase, Wortmacht und Pathos sowie einen Liebes- und Verzweiflungs- und Selbstorientierungsgesang, einen Canto. Den Lesern des Schweizers Paul Nizon dürfte sogleich dessen Roman "Canto" von 1963 einfallen, nicht nur ein Rom-Buch, sondern in erster Linie ein hochbrausendes Sprachkunstwerk. Ganz Ähnliches unternimmt Isabella Feimer.

Information

Isabella Feimer
Monster

Erzählung. Limbus, Innsbruck 2018, 96 Seiten, 15,- Euro.

Transitort

Sehr langsam lässt sich aus den Erinnerungsüberblendungen und verwischenden Rückblenden ein Handlungsskelett herauslösen. Es geht um einen Fotografen namens Max, der nach dem Suizid seiner depressiven Frau Elsa alles stehen und liegen gelassen hat. Elsa kannte er seit der Schulzeit. Als Teenager hatten sie sich ineinander verliebt. Max hatte aber auch eine Geliebte namens Vanessa, eine Künstlerin, für jenes Areal unerfüllter, mit Flüssigkeitsaustausch verbundener Praktiken in erotisch extremen Grenzüberschreitungsarealen. Geflohen ist er nach Amerika, in ein gesichtsloses, preiswertes Motel. Um zu vergessen. Um sich zu erinnern. Bei einem Diner um die Ecke lernt er die Bedienung Karen kennen, geht mit ihr, auch eine Einsame, ins Bett, unternimmt eine Ausfahrt an einen Salzsee. Und zieht dann aus dem Motel aus, einem zur Hälfte an Edward-Hopper-Gemälde, zur anderen an Sam-Shepard-Traurigkeit gemahnenden Transitort.

Die Flucht vor sich selbst nach Amerika, in eine gesichtslose, anonyme Weite. Bewusstseinszustände, die kippen, die ineinander stürzen. Das kennt man aus Gerhard Roths Roman "Der ferne Horizont" von 1976. Auch den harten Sex. Einzelerfahrungen zerfallen. Hier wie da. Der Einzelne ist isoliert trotz Kommunikation, weil Kommunikation formelhaft ist, sprachlich kaum etwas transportiert, was nicht auch körperlich vollzogen werden kann.

Die 1976 in Schwechat geborene, vielfach ausgezeichnete Autorin treibt in "Monster" noch stärker als in ihren vorhergehenden Prosaarbeiten Reduktion auf die Spitze. Spielte Feimers "stella maris" von 2017 in einer Raumkapsel, verwandelte sich in "Trophäen" (2015) die Protagonistin in eine Krähe, verschwammen in "Zeit etwas sonderbares" aus dem Jahr 2014 Innen- und Außenwelt, so sind nun in "Monster" alle diese Motive und Transformationen zusammengeführt, komprimiert, zugleich das extrem Subjektive sprachlich noch erweitert. Dabei ist einiges übersext oder hyperexaltiert ausgefallen und bleibt in erzwungenem Pseudodunkel.

Dunkle Schokolade

"Mitleid ist ein Seelentröster in dunkle Schokolade getunkt, somit in ein Vergessen" ist ein Beispiel für eine solche Bildkonstruktion, die sich nicht einmal selber genügt, um nicht zu sagen: die misslungen ist. Manchmal ist der Text auch nur pathetisch. So wenn es einmal heißt: "an einem Ort wie diesem musst du sehen lernen, musst die Realität deines Blickes neu erfassen, musst auch das Tasten neu erlernen, bis du das Ertastete in seinem Wesen begreifen kannst, musst dir eine Perspek-
tive richten, musst Farben neue Namen geben, musst erfahren, dass es keine Schatten gibt, dass Chaos Ordnung ist und der Tod ein Weggefährte". Auch die Grenze zu papierenem Kitsch wird mit leichter Hand überschritten: "einmal gebrochen wird man nicht mehr ganz, versucht, denke ich, lediglich die Illusion einer Ganzheit aufrechtzuerhalten, auch diese Worte trägt der Wind davon".

Doch allein schon Isabella Feimers Versuch des heutzutage so arg selten zu findenden literarischen Extremismus, in dem volles Risiko gegangen wird, in dem es um alles geht, verdient Respekt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-30 14:43:40
Letzte Änderung am 2018-11-30 15:53:23


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