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Von Uwe Schütte

  • Ein Band mit Briefen von Elias Canetti verrät nicht viel von dem Nobelpreisträger, da die Korrespondenz fast immer belanglos verläuft.

Kein guter Briefeschreiber: Elias Canetti.

Kein guter Briefeschreiber: Elias Canetti.© ullstein bild - B. Friedrich Kein guter Briefeschreiber: Elias Canetti.© ullstein bild - B. Friedrich

Er, einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts, sagt es selber: "Ich bin, wie die meisten Schriftsteller, ein schlechter Briefschreiber." Leider stimmt das. So-viel Mühen Elias Canetti an sein schmales Werk auch gewendet hat, das Verfassen von Briefen war für ihn eine rein utilitaristische Tätigkeit. Keine Seelenerforschung wie bei Kleist, keine Selbstinszenierung wie bei Thomas Bernhard.

Obwohl, genau können wir das nicht wissen. Die über 800 Seiten lange Edition der Briefe Canettis - die Korrespondenzen mit Bruder Georges Canetti und der Freundin Marie-Louise von Motesiczky sind bereits getrennt erschienen - enthält keine wirklich privaten Briefe, sondern vornehmlich, was man als Geschäftspost bezeichnen könnte. Biographischer Voyeurismus solle mit der Edition nicht bedient werden, erklären die Herausgeber im Vorwort. Das muss man anerkennen, doch es geschieht um den Preis, dass man Elias Canetti nie wirklich nahekommt.



So gibt es eigentlich nur einen einzigen Korrespondenzpartner, den Canetti mit "Du", anredet, nämlich die Freundin Cilli Wang. Jahrzehnte lang schreiben sich die beiden, neben Motesiczky war die Tänzerin und Kabarettistin Wang offenkundig die einzige weibliche Freundin Canettis.

Information

Elias Canetti
Ich erwarte von Ihnen viel

Briefe. Herausgegeben von Sven Hanuschek und Kristian Wachinger. Hanser, München 2018, 864 Seiten, 43,20 Euro.

Das wirkt merkwürdig und ist wohl eine Folge der Zensur privat-intimer Korrespondenz. Ansonsten jedenfalls finden sich im Band fast nur Briefe, aus denen eine Distanz zum Korrespondenzpart-ner hervorgeht. Darunter auch viele belanglose, überflüssige Briefe, wie etwa das Schreiben vom 2. 5. 1973, in dem Canetti dem Lektor lediglich einige zu streichende Stellen mitteilt. Kommentare, Änderungswünsche und Korrekturen schickte Canetti auch gerne an Germanisten, die ihm ihre Arbeiten über ihn zu-sandten. Auch bekommt er nach seinem literarischen Durchbruch die Bücher oder Manuskripte anderer Jungautoren zugeschickt, so wie er sich selbst anfangs - zunächst vergeblich - an Thomas Mann wandte.

Warum auf Englisch?

Ein weiteres Manko ist der Umstand, dass Canetti mit bekannten Kollegen oder wichtigen Intellektuellen keinerlei Korrespondenz führte, die eine solche Bezeichnung verdienen würde. Zwar ist man zunächst elektrisiert, wenn Namen wie Adorno, Celan, Améry oder Bernhard auftauchen, aber es bleibt immer nur bei ein paar meist belanglosen Briefen. Die Briefe an W.G. Sebald wiederum fehlen gänzlich, was die Frage nach weiteren Lücken aufwirft.

Frustrierend ist ebenso, dass die editorischen Kommentare auf das Minimalste beschränkt sind, oftmals hat man gar keine rechte Ahnung, worauf sich Canetti in seinen Schreiben bezieht, etwa wenn es um bestimmte Texte geht oder ein (potenzielles) Zerwürfnis. Warum Canetti seinen Brief an Hermann Broch auf Englisch schreibt, hätte etwa einen Kommentar verdient. Etwas irritierend ist auch die Platzierung des Bildmaterials, da es regelmäßig auf der nachfolgenden Doppelseite erfolgt anstatt innerhalb des betreffenden Briefes.

Besser: die Biografie

Drei Korrespondenzpartnern schreibt Canetti über die Jahrzehnte hinweg immer wieder, stets lang und zunehmend vertraulich; insgesamt machen die Briefe sicher mehr als die Hälfte des Bandes aus: Wolfgang Kraus, Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Literatur; Herbert Göpfert, Lektor beim Hanser Verlag; und vor allem Rudolf Hartung, Chefredakteur der "Neuen Rundschau".

Sie erweisen sich bei der Lektüre der Briefedition als wichtigste Vertraute des in London lebenden Schriftstellers. Sie stellen für ihn quasi die Verbindung zum so stark vermissten deutschen Sprachraum her, dennoch bleibt er bei allen bis zum Schluss beim "Sie" - und einer formellen Anrede. Vielleicht sagt das mehr aus über Canetti als der Inhalt der rund 600 Briefe in "Ich erwarte von Ihnen viel".

Wer Elias Canetti wirklich kennenlernen möchte, ist mit der exzellenten Biografie von Sven Hanuschek deutlich besser beraten als mit dieser eher enttäuschenden Briefedition.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-04 14:29:14
Letzte Änderung am 2019-01-04 15:33:40


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