• vom 05.01.2019, 14:00 Uhr

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Lebensläufe, die in die Erde sickern




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Von Georg Renöckl

  • Andrea Winklers aktueller Roman "Die Frau auf meiner Schulter"



"Verlassen Sie für einen Nachmittag Ihr Zimmer, Ihren Garten, wenn Sie auch ganz daran gewöhnt sind, alles Leben von dort zu schöpfen, wo Sie sind. Was für eine unerhörte Quelle, solche Genügsamkeit, solcher Verzicht! Und doch - wie schön ist es, von anderswo daran erinnert zu werden, wie alles schweben kann."

Die Ankündigung einer Zirkusvorführung in Andrea Winklers Roman "Die Frau auf meiner Schulter" beschreibt auch den Roman selbst ganz gut: Man muss sich dafür aus der Komfortzone so mancher Leseroutine begeben und auf eine Welt einlassen, in der man immer wieder den festen Boden unter den Füßen verliert.

Information

Andrea Winkler
Die Frau auf meiner Schulter

Roman. Zsolnay, Wien 2018, 192 Seiten, 21,60 Euro.

"Ich weiß nicht, ob das hier und dieser Tag wirklich ist. Es kommt mir nicht so vor, zugleich hat es aber auch nichts von einem Traum", beginnt ein typischer Dialog im Roman. "Du kannst ja die Hand in den Regen halten." - "Wenn ich nass werde, werde ich es ebenso wenig wissen." - "Wahrscheinlich weißt du es schon lange nicht mehr." - "Vor allem weiß ich nicht, ob es einen Unterschied macht und wozu es wichtig ist." - "Es macht einen Unterschied, und es ist wichtig und macht zugleich keinen Unterschied und ist nicht wichtig." - "Was macht dich so sicher?" - "Nichts oder alles, je nachdem."

Der Text besteht aus Tagebuchaufzeichnungen und Traumprotokollen einer Frau namens Martha, die einen Winter und einen Frühling lang ein Haus auf dem Land bezieht, um Abstand von ihrem bisherigen Leben zu gewinnen. Anfangs genießt Martha "das stille Gespräch mit den Gräsern, das ich hier wiederentdecke, und das Wiederholen eines Gedichts, das mir auf den Lippen liegt - lauter unnütze Handlungen, zu nichts da, als sogleich wieder vergessen zu werden." Später zieht sie immer größere Kreise um das alte Haus, mit dessen verstorbenem Besitzer sie in einen stillen Dialog tritt.

Sie trifft auf andere Menschen, deren "Lebensläufe vorübergehend Rinnsale geworden sind, die langsam in die Erde sickern": Katharina, die nach langer Krankheit nicht mehr in ihr früheres Leben als Schauspielerin zurückfindet, die Russin Olenka, die von einer Karriere als Sängerin träumt, aber nun angesichts ihres unsicheren Aufenthaltsstatus dringend einen Mann zum Heiraten sucht, sowie den schweigsamen Georg, der Martha einen Sessel aus Papier borgt, der "zwar nicht die Last eines menschlichen Körpers tragen kann, dafür aber einen späten Gast aus einer andern Welt, für den immer ein Platz frei bleibt".

Gemeinsame Spaziergänge und Abendessen in dieser seltsamen Runde lockern von nun an Marthas Einsamkeit auf. Die Romanfiguren führen theatralische Dialoge von feierlicher Künstlichkeit, stets hart an der Grenze zum Absurden, in denen aber doch handfeste existenzielle Probleme verhandelt werden, von der verzweifelten Suche nach einer sinnstiftenden Beschäftigung über die Angst der abgelehnten Asylwerberin vor der Abschiebung bis zur durch einen Stalker ausgelösten Beklemmung. Nicht zufällig zitiert der Roman mit Samuel Beckett und Jonathan Swift immer wieder zwei der größten und tiefgründigsten Schelme der Literaturgeschichte.

Am Ende eines nur äußerlich ereignisarmen Frühjahrs brechen Marthas Gefährtinnen in unterschiedliche und ungewisse Richtungen auf. Auch die Tagebuchschreiberin wird nach ihrer Auszeit in dem gemieteten Haus in ihr altes Leben zurückkehren - wohl wissend, dass es stets die Vorgänge unter der sichtbaren Oberfläche sind, die "unter Umständen dazu dienen, ungeheuer kräftige Bäume mit ungeheuer kräftigen Wurzeln wachsen zu lassen."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-04 14:32:14
Letzte Änderung am 2019-01-04 15:37:05


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