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Update: 07.01.2019, 12:51 Uhr

Sachbuch

Flüchtiger Eros, beständige Agape




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Von Sabine Ertl

  • Warum alle gewinnen, wenn Männer männlich sind und Frauen weiblich, beschreibt der Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli in seinen neuen Couchgeschichten.

Frauenfeindlicher sexueller Sadismus und weibliche Unterwerfung charakterisieren laut Bonelli das Zeitgeistphänomen "Shades of Grey". - © Universal Pictures

Frauenfeindlicher sexueller Sadismus und weibliche Unterwerfung charakterisieren laut Bonelli das Zeitgeistphänomen "Shades of Grey". © Universal Pictures

Wien. Mann und Frau verlieben sich. Mann und Frau genießen ihre Emotionalität und haben sexuelles Interesse aneinander. Mann und Frau entfremden, betrügen, belügen und trennen sich schließlich. Aus ist der Traum von der schönen, romantischen Liebe, die vielleicht auch das Potenzial gehabt hätte, sich gegenseitig dauerhaft positiv zu befruchten. Beziehungsgeflechte seien eben komplex und das System Mann und Frau überhaupt störanfällig, behauptet der Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli.

Er weiß nur zu gut aus seiner Praxis, dass heutige Paarbeziehungen gerne in Schieflage geraten: Angefangen von geschlechtsloser Zweisamkeit, (un)gewollt offenen Beziehungen oder dem fatalen On/Off-Mechanismus. Nach Büchern über Perfektionismus und Narzissmus behandelt sein neues Werk die Thematik "Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)". Er führt den Leser zwar mit viel Gefühl, aber doch provokant an die These heran, ob denn Frauen Männer und Männer Frauen überhaupt brauchen. Sein Fazit: Ja! Das Zusammenleben zwischen Frau und Mann macht Sinn, behauptet Bonelli.

Information

Sachbuch

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt). Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters

Raphael M. Bonelli

Kösel Verlag, 2018.

349 Seiten, 22,70 Euro

Beide bedürfen einander, trotz Unterschiedlichkeit. Beide tun einander gut. Aber nur dann, wenn die Geschlechterbeziehung auf Augenhöhe stattfinde. Es solle in jedem Beziehungs(miss)geschick immer eine mittige Lösung geben. Zeichnen hohe Scheidungsraten und häufiges Scheitern von Beziehungen ein anderes Bild, stellt sich natürlich die Frage über die Langlebigkeit von Liebe. Auch auf diese Frage hat Bonelli eine klare Antwort: "Dauerhafte Liebe ist Entdeckung des anderen und überwindet so den egoistischen Zug, der in jedem steckt." Dabei klingt das eigentliche Geheimnis recht einfach: "Kooperation statt verbissener Konkurrenz".

Auf der Therapiecouch

Tatsächlich suchen die meisten erst fünf vor zwölf seine Praxis auf, um sich Liebesqualen von der Seele zu reden. Wie Herr K.: Dieser kommt nach einer Trennung zu ihm. Es geht ihm schlecht. Er beklagt, dass seine eifersüchtige Frau auch irgendwann keinen Sex mehr mit ihm haben wollte. Verblüffenderweise erkennt er selbst, dass sie wohl nie so richtig harmoniert und nie richtig über ihre Beziehung gesprochen haben.

Da ist auch noch Herr Z.: Dieser wird von seiner Freundin verlassen, weil er eine offene Beziehung mit wechselnden Partnern haben wollte. Schlussendlich kann sie diese Vorstellung nicht ertragen und trennt sich. Herr Z. bemerkt seinen Fehler und will seine Freundin zurück. Kämpfen um sie mag er aber nicht.

Frau K. hingegen wird als typische Millennial-Frau beschrieben. Sie geht zum Psychiater, weil sie im Moment völlig durcheinander ist. Sie arbeitet zwar im gleichen Beruf wie ihr Mann, stellt aber fest, dass sie ganz anders tickt als er. Das macht ihr Probleme, sie sucht Hilfe beim Therapeuten.

Doch wo setzt der Psychiater an? Es gilt das Unbewusste zu erforschen, in das Dunkle, das Unerforschte zu dringen, Psyche und Soma in die richtigen Bahnen zu lenken, um dann statt getrennter Wege den Pfad einer dauerhaften Liebe auf Augenhöhe zu erarbeiten. Im bestmöglichen Fall gipfle eine Beziehung in Agape, einer Liebe, die auch Verzeihen kann, so Bonelli. Erfolg sei nur durch das reizvolle Zusammenspiel von Eros und Agape möglich, zwischen bedürftiger und schenkender Liebe. Beschrieben wird Eros als flüchtiger Eisbrecher, der aber eine bedingungslose Agape braucht, um dauerhaft zu sein und auf lange Sicht über den Dingen zu stehen.

Liebestöter aufspüren

Mit Bestimmtheit müsse man sich als Paar immer wieder vor Augen halten, dass kein Geschlecht besser als das andere und keines dem anderen überlegen sei. Und: Beide Geschlechter seien hilfsbedürftig. Was besonders ihre Schwächen angehe: Beim Mann könne es der Missbrauch seiner Stärke sein, emotionaler Analphabetismus oder soziale Inkompetenz. Bei der Frau hingegen ein körperliches Gefallen-Wollen um jeden Preis, emotionale Verlorenheit sowie die Abhängigkeit vom Urteil anderer.

Schließlich gelte es, sämtliche Liebestöter dinghaft zu machen, denn, wie er schreibt, ist "Weiblichkeit Balsam für die männliche Seele und Männlichkeit streichelt die weibliche Seele". Und es gebe je nach Geschlecht viele Liebestöter wie etwa beratungsresistente oder verdrängte Männlichkeit/Weiblichkeit. Oft unterdrücken beide Geschlechter auch Defizite und Bedürftigkeiten, überschätzen eigene Vorzüge oder nehmen die komplementären Talente des Gegenübers nicht wahr.

Das Buch zeigt, wie man gemeinsam ein glückliches Leben führt, vorausgesetzt die eigene Männlichkeit oder Weiblichkeit wird erkannt und stets genährt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-04 16:26:19
Letzte Änderung am 2019-01-07 12:51:35



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