• vom 12.01.2019, 15:00 Uhr

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Genetischer Code für Unruhe




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Von Andreas Wirthensohn

  • Die norwegische Schriftstellerin Merethe Lindstrøm betreibt eine Selbsterkundung von beklemmender Radikalität.

Schreiben als rettender Anker: Merethe Lindstrøm.

Schreiben als rettender Anker: Merethe Lindstrøm.© Johannes Jansson Schreiben als rettender Anker: Merethe Lindstrøm.© Johannes Jansson

Eigentlich, so dachte man, sind die Finnen die Schwermutsnation im europäischen Norden. Bei Finnland denkt unsereiner sogleich an einsame Wälder und dunkel-kalte Winter, an die traurigkeitsdurchflorten Filme von Aki Kaurismäki, an melancholische Tangoklänge - kein Wunder, dass in diesem Land nicht einmal die Sprache ein Futur kennt. Doch zumindest in der Literatur, so scheint es, können die Norweger locker mithalten mit ihren skandinavischen Brüdern und Schwestern. Der derzeit wohl bekannteste norwegische Schriftsteller, Karl Ove Knausgård, wird nicht zuletzt wegen seiner grüblerischen Melancholie verehrt, sein Kollege Tomas Espedal wirkt gar wie die personifizierte Schwermut.

Und nun ist da auch noch Merethe Lindstrøm. "Aus den Winterarchiven" heißt ihr autobiografischer Bericht, und die Ausgangslage klingt nicht unbedingt vielversprechend. "Die Narben sind nicht leicht zu entdecken, die deinen, die meinen, aber ich habe von Anfang an das Gefühl, wir führen etwas zusammen, was man vielleicht nicht zusammenführen sollte, die Schizophrenie deiner Mutter, den Alkoholismus deines Vaters, die Angst meines Vaters, wir sind ein genetischer Code für Unruhe. Aber vor allem haben wir offensichtlich eine Disposition für eine gewisse Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, vielleicht Armut."



Nöte mit dem Leben

Das Ich, das hier spricht, ist ziemlich unverstellt das der 1963 geborenen Autorin, und das Du, an das sie sich wendet, ist Mats, der Lebenspartner und Vater der gemeinsamen Töchter. Die Familie ist aufs Land gezogen, um dort einen Neuanfang zu versuchen, denn Mats ist nicht nur den Drogen zugetan, sondern leidet auch unter einer schweren bipolaren Störung, in der die Stimmungsextreme Manie und Depression den Alltag bestimmen.

Information

Merethe Lindstrøm
Aus den Winterarchiven

Aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 294 Seiten, 22,70 Euro.

Auch Merethe Lindstrøm hat eine nicht ganz einfache Kindheit zu bewältigen, und viele ihrer Nöte mit dem Leben gründen irgendwo in der eigenen Vergangenheit. In dieser Situation existenzieller Hilflosigkeit wird das Schreiben zum rettenden Anker. Schreiben, das ist für sie nicht nur Festhalten des Augenblicks, sondern auch "der Wunsch danach, von außen zu sehen, sich eindeutig außerhalb zu befinden, ein Gast in sich selbst zu sein, ein Gast, der in ein Haus kommt, der alles zum ersten Mal sieht, ein Fremder sich selbst".

Die Notizen aus dem Zeitraum eines halben Jahres, die wir hier zu lesen bekommen, umfassen Herbst, Winter und Frühling, und entsprechend ist die Stimmungslage, die uns entgegenschlägt. Neben den Schilderungen der Gegenwart, des Lebens auf dem Land und des mühsamen Alltags als Paar und als Familie stehen zahlreiche Erinnerungen an Kindheit und Jugend, an die Eltern und an prägende Erlebnisse. Wie sind wir zu dem geworden, was wir sind? Und wie sehr sind zwei Liebende ineinander verstrickt? "Ich bin meine Geschichten, aber auch deine. Ich schreibe und schreibe und schreibe über dich, aber beim Schreiben sehe ich, das bin ich."

"Aus den Winterarchiven" trägt, anders als etwa Karl Ove Knausgårds sechsbändiger "Min Kamp"-Zyklus, bewusst keine Gattungsbezeichnung. Als schreibende Selbsterkundung ist dieses Buch von beklemmender Unverstelltheit und Radikalität. Zugleich aber ist es von einem enormen Stilwillen geprägt. Seine oft recht langen, additiven Satzkons-truktionen sind von glasklaren Bildern und gestochen scharfen Wahrnehmungen bestimmt (die Elke Ranzinger großartig ins Deutsche gebracht hat).

Hoffnungsschimmer

Anders als bei Knausgård, der durchaus auf eine gewisse Distanzlosigkeit gegenüber seinen Lesern setzt, wahrt Merethe Lindstrøm immer einen gewissen Abstand. Sie will unser Mitgefühl, unser empathisches Mitempfinden nicht.

Sie will mehr Klarheit über sich selbst und weiß doch, dass die nicht zu haben ist - oder nur um den Preis der Fiktion zu haben wäre. "Früher habe ich geglaubt, mit der Zeit käme man zu einem größeren Verstehen, einer Einsicht, es könnte mir durch den Text gelingen, dort hinzukommen, aber es gibt kein einfaches Verstehen, keine einfache Überzeugung, nichts schrumpft zusammen, im Gegenteil, es weitet sich, wird immer größer, unübersichtlicher."

Immerhin: Am Ende herrscht weniger Dunkelheit, weniger Verzweiflung, weniger Hoffnungslosigkeit. Die Literatur hat ihre lebensrettende Funktion unter Beweis gestellt. Und wir Leser haben eine Ahnung davon bekommen, was das dem Buch vorangestellte Motto der brasilianischen Autorin Clarice Lispector zu bedeuten hat: "Leben ist eine Art Wahnsinn, den der Tod unternimmt."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-11 15:05:23
Letzte Änderung am 2019-01-11 15:19:19


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