• vom 18.01.2019, 17:00 Uhr

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Der multiple Denkspieler Peter Sloterdijk




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Von Hermann Schlösser

  • Zwei Neuerscheinungen eignen sich gut zur Einführung in das Werk des wendigen - und trendigen - Philosophen.

Demontiert lustvoll kursierende Deutungen und Gewissheiten: Peter Sloterdijk. - © ullstein bild/Brill

Demontiert lustvoll kursierende Deutungen und Gewissheiten: Peter Sloterdijk. © ullstein bild/Brill

Im Jahr 2012 veröffentlichte Peter Sloterdijk eine locker gereihte Sammlung aus Alltagsbeobachtungen, Reflexionen und Aphorismen. Er gab ihr den Titel "Zeilen und Tage" und teilte in seinem Vorwort mit: "Weitere Editionen von Notizbüchern sind nicht vorgesehen."

Das Nicht-Vorgesehene ist nun eingetreten, "Neue Zeilen und Tage" sind erschienen. Sie versammeln Aufzeichnungen aus den Jahren 2011 bis 2013. Wie schon der erste Band, wird auch dieser von Sloterdijk nicht als beliebiges Tagebuch verstanden, sondern als "intellektuelle Komödie", die er den philosophischen "Cahiers" von Paul Valéry an die Seite stellt.



Information

Peter Sloterdijk
Neue Zeilen und Tage

Notizen 2011-2013. 540 Seiten, 28,80 Euro.

Polyloquien
Ein Sloterdijk-Brevier. Zusammengestellt und mit einer Gebrauchsanweisung von Raimund Fellinger. 84 Seiten, 14,40 Euro. Beide Bücher bei Suhrkamp, Berlin 2018.

Nüchtern betrachtet, handelt es sich bei den Konvoluten aber doch um unregelmäßig geführte Tagebücher, die eine Mischung aus Arbeitsjournal und Ereignisprotokoll darstellen. Die weitreichende Bildung des Autors kommt darin ebenso zum Ausdruck wie seine Fähigkeit, aktuelle Geschehnisse schnell und originell zu kommentieren. Doch finden sich auch Banalitäten wie "mit PW am Morgen im Engländer", die Paul Valéry nie und nimmer in seine "Cahiers" aufgenommen hätte. Die Summe aus all dem ist zwar nicht so einzigartig, wie es der Autor sich und anderen einzureden versucht, lädt aber doch zum animierten Lesen und kritischen Mitdenken ein.

Aphoristische Kürze

Stilistisch zeigt sich Sloterdijk in seinen kurzen Aufzeichnungen meist als prägnanter Aphoristiker: "Man soll die Egoisten respektieren, sie lieben die Menschheit wenigstens in einem Exem-plar". Oder: "Nicht alles, was von den Ratten verlassen wird, ist ein sinkendes Schiff." Über solche Sentenzen hinaus enthält das Buch Berichte über laufende Arbeiten, oder Kurzprotokolle des körperlich-seelischen Befindens. Weggefährten wie Peter Weibel (der eingangs erwähnte "PW"), Rüdiger Safranski oder Hans-Ulrich Gumbrecht werden zitiert, Lieblingsfeinde mit Seitenhieben bedacht: "Zwischennachricht aus der Gebietsreform: Die Gemeinden Habermashofen und Grassdorf werden zusammengelegt."

Dem privaten Anstrich entsprechend, streift Sloterdijk hier und da auch die Themen Sexualität und Erotik. 2012 wurde Dominique Strauss-Kahn wegen sexueller Belästigung angeklagt. Sloterdijk kommentiert diesen viel besprochenen Fall mit der knappen Bemerkung, wenn sich ein Mann schon kompromittiere, sollte er sich dazu wenigstens eine attraktive Dame aussuchen. Und während eines Besuchs der Salzburger Festspiele notiert er, angesichts der welken Dekolletees älterer Europäerinnen erwache beim Betrachter die Sehnsucht nach der alles verhüllenden Burka. Solche Herrenwitze provozieren die nachdenkliche Frage, wa-rum selbst intelligente Männer so gerne ihr Geschmacksniveau unterbieten, wenn von Frauen die Rede ist. Aber darauf geben Sloterdijks Aufzeichnungen keine Antwort.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-17 17:14:37
Letzte Änderung am 2019-01-17 17:37:42



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