• vom 08.02.2019, 17:30 Uhr

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Walsers rücksichtslose Offenheit




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Von Uwe Schütte

  • "Spätdienst": Die unerbittlichen Bekenntnisse des 91-jährigen hyperaktiven Autors vom Bodensee.



"Angstblüte" hieß ein Roman von Martin Walser. Der erschien 2006. Damals war der Schriftsteller 79 Jahre alt und man glaubte allenthalben, er schreibe gerade an seinem Spätwerk. 2018 hat Walser seinen 91. Geburtstag gefeiert und - noch in jenem Jahr - mit "Spätdienst" sein bereits zweites Buch (nach "Statt etwas oder Der letzte Rank") veröffentlicht. Fast könnte man denken, dass das beständige Publizieren ein Mittel ist, um nicht nur die Angst vor dem Tod zu besiegen, sondern den Tod selbst aufzuhalten.

Information

Martin Walser
Spätdienst

Notate. Rowohlt, Reinbek 2018, 207 Seiten, 20,60 Euro.

Der Preis, den das kostet: Walsers Bücher werden immer luftiger. So auch die ohne Zweifel mit Hintergedanken "Spätdienst" betitelte Sammlung von lyrischen Notaten und Aphorismen. Zwar bringt das Buch es auf über 200 Seiten Länge im größeren Quartformat, doch ist viel weiße Fläche zwischen den zumeist kurzen Notaten.

Dass im lyrischen Schreibmodus textliche Reduktion keineswegs mit literarischer Leichtigkeit zusammenhängt, darf man als bekannt voraussetzen. So eröffnet der Band auch gleich mit den schönen Versen: "Ich möchte sein wie ein Wunsch, / auf der Schwelle möchte ich stehen, / ein Tag sein vor seinem Anbruch, / noch nicht gewesen sein möchte ich."

Typisch für den Walser’schen Aphorismenmodus wiederum ist dieser Satz: "Ich bin ein angebundenes Tier, das so tut, als möchte es gern frei sein, während es mit Genuss die Gefangenenkost frisst." Wie diese beiden Beispiele schon zeigen, erweist sich Martin Walser wieder einmal als großer Bekenner, der durch rücksichtslose Offenheit beziehungsweise unerbittliche Strenge gegen sich selbst ein Angebot an seine Leser macht: nämlich Gemeinsamkeiten zu entdecken. Erwähnenswert sind daher die beiden Motti, die Walser seinem "Spätdienst" vorangestellt hat: "Für Gegner: Ein gefundenes Fressen // Für meine Leser: vielleicht ein Ausflug ins Vertraute."

Wunderbar ist auch der Verzicht auf ein Nachwort oder sonstige Erläuterungen. So können die Notate für sich selbst stehen. Dazu sind sie nämlich stark genug: "Es tanzen die Blätter im Wind, / wissen nicht, dass sie am Fallen sind."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-08 14:59:05
Letzte Änderung am 2019-02-08 15:22:56



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