• vom 10.06.2011, 12:49 Uhr

Bücher aktuell

Update: 10.06.2011, 12:50 Uhr

Literarisches Buch

Porter, Katherine Anne: Das Narrenschiff




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Walter Klier

  • "Zauberberg" auf hoher See
  • Katherine Anne Porters Roman "Das Narrenschiff".

Anfang der 1930er Jahre fuhr die amerikanische Schriftstellerin Katherine Anne Porter auf einem deutschen Schiff von Mexiko nach Bremerhaven. Anfang der vierziger Jahre begann sie einen großen, ihren einzigen Roman zu schreiben, in dem ein ebensolches Schiff - voll Deutscher - dieselbe Reise macht. Der Roman wurde erst zwanzig Jahre später fertig, wurde ein Riesenerfolg und ist nun, wiederum 50 Jahre später, bei Manesse neu aufgelegt worden.


"Das Narrenschiff" ist eines jener verwunderlichen Werke, die einen durch die Macht der Sprache sofort gefangennehmen und nicht wieder loslassen - und das, obwohl das zahlreiche Personal des Romans durch einen eklatanten Mangel an Sympthieträgern glänzt: es ist selten, dass in einem Buch so viele gänzlich verschiedene Charaktere (brillant) gezeichnet werden, und jeder von ihnen auf seine besondere Weise widerwärtig, oder zumindest jämmerlich ist.

Es ist eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Reisenden, die da unverhofft aufeinander treffen und für die Tage der Überfahrt miteinander, mit der Crew und mit den armseligen Wanderarbeitern auf dem Zwischendeck auskommen müssen.

Alles, was an menschlichen Kontakten besteht oder sich anbahnt, geht auf seine spezielle Weise schief, und im Übrigen dürfen wir den Zeitgeist - vor allem den deutschen Zeitgeist der dreißiger Jahre - aus nächster Nähe, sozusagen hautnah miterleben. Porters Darstellungskunst lässt uns den fauligen Atem des deutschen Wesens, an dem die Welt bald darauf fast zugrundegehen würde, unmittelbar spüren.

Kein Wunder, dass vor 50 Jahren und auch jetzt wieder die deutschen Kritiker etwas nervös auf das Buch reagieren und Klischeehaftes wittern, das man ja gerne dort bemerkt, wo einem etwas an die Nieren geht, weil es so wahr ist.

Wenn Sie ausgreifende, verästelte Gesellschaftsromane mögen, wie etwa Thomas Manns "Zauberberg", dann sind Sie auf dem "Narrenschiff" genau richtig. Es ist gewissermaßen ein auf hohe See verlegter "Zauberberg", mit all der klaustrophobischen Beklemmung, die das Leben auf einem solchen Schiff mit sich bringt.

Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff. Roman. Übersetzt von Susanna Rademacher, mit einem Nachwort von Elke Schmitter. Manesse Verlag, Zürich 2010, 701 Seiten, 27,80 Euro.




Schlagwörter

Literarisches Buch

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-06-10 12:49:42
Letzte Änderung am 2011-06-10 12:50:00


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. b + s
  2. Ewiger Mythos Paris
  3. Schriftsteller Wilhelm Genazino ist tot
Meistkommentiert
  1. Das mörderische Internet der Dinge

Werbung




Werbung