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Update: 29.04.2010, 16:26 Uhr

Literarisches Buch

Balàka, Bettina: Auf offenem Meer




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Von Markus Bundi

  • Aneinander gekettet
  • Bettina Balàkas neuer Erzählband "Auf offenem Meer".

Bettina Balàka. Foto: Frank Helmrich

Bettina Balàka. Foto: Frank Helmrich Bettina Balàka. Foto: Frank Helmrich

Als Motto über Bettina Balàkas jüngstem Band mit Erzählungen könnte Nietzsches berühmter 124. Aphorismus aus der "Fröhlichen Wissenschaft" stehen, der mit dem Satz endet: "Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre, -- und es gibt kein Land´ mehr!" Denn der "Horizont des Unendlichen", um den es Nietzsche geht, hält nicht, was er verspricht. Unbedingte Freiheit ist eine Utopie, ein Paradoxon, denn die Menschen liegen von Natur aus in Ketten, sind von Sachzwängen geleitet und in Abhängigkeiten verstrickt.


In den sechs Erzählungen, die Balàka unter dem Titel "Auf offenem Meer" versammelt, wird solche menschliche Unfreiheit geschildert - vom Ausgeliefertsein eines zum Tode Verurteilten bis hin zur drückenden Last einer faschistischen Großmutter, die sich nichts sehnlicher wünscht, als im Jenseits Hitlers Hand zu schütteln. In jeder Erzählung rückt die 1966 geborene Schriftstellerin eine spezifische Figurenkonstellation in den Vordergrund, schildert gegenseitige Abhängigkeiten in einem situativen, zuweilen historischen Kontext.

In der Geschichte "Lignum vitae", was so viel wie "lebendes Holz" bedeutet, geht es um einen wissenschaftlichen Wettstreit zwischen Isaac Newton und einem gewissen Mr. Harrison, der drei Chronometer mit an Bord bringt, mit deren Hilfe er die Navigation auf See revolutionieren will. Held und Ich-Erzähler aber ist ein unbedeutender Schiffsjunge, der auf der "Mary Mallory" angeheuert hat, damit seine Mutter nicht den falschen Mann heiratete, nun aber doch auf der Suche nach einem Ersatzvater ist und sich deshalb besonders um Mr. Harrison kümmert. Der Junge erfährt von Intrigen und möglichen Spionen an Bord; er glaubt zu verstehen, Newton sei hauptverantwortlich dafür, dass so viele Seeleute an Skorbut sterben; und findet schließlich eine Aufgabe als Kämpfer für die gerechte Sache und als Schutzengel für Mr. Harrison.

Wie weit die Handlungen des Schiffsjungen nur dessen Vorstellungen geschuldet oder Reaktionen auf reale Bedrohungen sind, bleibt offen. Denn für Balàka scheint das Fontane-Wort aus "Effi Briest" besondere Geltung zu haben: "Einbildungen sind das schlimmste, mitunter schlimmer als alles." Dass eine nur mögliche Bedrohung mindestens so verheerende Folgen haben kann wie eine wirkliche, veranschaulicht die Autorin auf drastische Weise, ewa in der Erzählung "Friendly Fire", in der ein Kriegsschiff-Kapitän zu schlechterletzt Frau und Kind vom Himmel abschießt.

Im wahrsten Sinne manifest zeigt sich die gegenseitige Abhängigkeit zweier Menschen in der Mordsgeschichte "Chain Gang" (der Manierismus, der ihren fremdsprachigen Titeln anhaftet, sei der Autorin verziehen), die von zwei aneinander geketteten Frauen im Gefängnis erzählt. Dabei erfährt der Leser, dass es in einer solchen Zwangspartnerschaft durchaus von Vorteil ist, wenn die eine Person Linkshänderin ist. Aber haben diese symbiotischen Gefangenen tatsächlich ihre Aufseherin Stipkowitz umgebracht?

"Titanic", so der Titel einer andern Gefängnisgeschichte, die den Band eröffnet, ist nicht nur die umfangreichste, sondern auch die stärkste Erzählung. Balàka schildert darin die Beziehung eines Gefängnisdirektors zu einem Todeskandidaten, und lässt dort Menschlichkeit aufblitzen, wo diese längst obsolet geworden zu sein scheint. Wir befinden uns in Russland, genauer gesagt in der Sowjetunion der 1940er Jahre. Der Leser betritt ein Gebäude (das eben an die Titanic erinnert) und wird in eine Zeit zurückversetzt, in der Wissenschaft und Ideologie einander diametral entgegenstanden, so dass es einem zuweilen kalt über den Rücken läuft.

Wie schon in ihrem großen Roman "Eisflüstern" (2006) überzeugt Bettina Balàka durch ein profundes historisches Wissen, das weit über Wikipedia hinausreicht, wie durch ein Empathie- und Sprachvermögen, das feinste Regungen zu schildern weiß, wenngleich die Erkenntnis, die man aus diesem Band ziehen kann, nicht eben erheiternd ist.

Denn was "Auf offenem Meer" seine Gültigkeit hat, gilt ja überall: Ganz egal, auf welchem Schiff du dich befindest, früher oder später wirst du untergehen.

Bettina Balàka: Auf offenem Meer. Erzählungen. Haymon, Innsbruck 2010, 134 Seiten, 16,90 Euro.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2010-04-29 15:54:58
Letzte Änderung am 2010-04-29 16:26:00


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