• vom 04.12.2009, 14:18 Uhr

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Update: 04.12.2009, 14:19 Uhr

Literarisches Buch

Frisch, Max: Antwort aus der Stille




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Von Hermann Schlösser

  • Einfach ein Schmarrn?
  • Max Frischs Jugendwerk "Antwort aus der Stille", ein pathetischer Bergsteiger-Roman aus den 1930er Jahren, wurde neu aufgelegt.

So sieht er also aus, der Sitz der Götter, wobei der Olymp insgesamt acht Gipfel hat. In ihrem Buch "Hoch und heilig. Berge in den Religionen und Mythen der Welt" (Styria Verlag) präsentieren der Journalist Lutz Maurer und der Fotograf Markus Raich die wichtigsten Erhebungen weltweit, die Ausgangspunkt und Ziel göttlicher Verehrung sind.

So sieht er also aus, der Sitz der Götter, wobei der Olymp insgesamt acht Gipfel hat. In ihrem Buch "Hoch und heilig. Berge in den Religionen und Mythen der Welt" (Styria Verlag) präsentieren der Journalist Lutz Maurer und der Fotograf Markus Raich die wichtigsten Erhebungen weltweit, die Ausgangspunkt und Ziel göttlicher Verehrung sind. So sieht er also aus, der Sitz der Götter, wobei der Olymp insgesamt acht Gipfel hat. In ihrem Buch "Hoch und heilig. Berge in den Religionen und Mythen der Welt" (Styria Verlag) präsentieren der Journalist Lutz Maurer und der Fotograf Markus Raich die wichtigsten Erhebungen weltweit, die Ausgangspunkt und Ziel göttlicher Verehrung sind.

Max Frischs Roman "Antwort aus der Stille" galt bis vor kurzem als verschollen. Auch in Frischs "Gesammelten Werken" aus dem Jahr 1976 sucht man ihn vergebens: Der Autor selbst hatte damals den Nachdruck untersagt. 18 Jahre nach Frischs Tod hat sich der Suhrkamp-Verlag nun über den Willen eines seiner großen Hausautoren hinweggesetzt und "Antwort aus der Stille" neu aufgelegt. Der Schweizer Germanist Peter von Matt meint in seinem Nachwort, Frisch habe "in den von Denkbefehlen und Denkverboten geprägten siebziger Jahren" Angst vor "Missverständnissen" gehabt, und sei vor allem deshalb auf Distanz zu seinem Jugendwerk gegangen.


Es liegt auf der Hand, welche "Missverständnisse" hier gemeint sind: "Antwort aus der Stille" ist 1937 in der "Deutschen Verlagsanstalt" in Stuttgart erschienen - also im nationalsozialistischen Deutschland. Dies allein hätte in den 1960er und 1970er Jahren genügt, um das Buch und seinen Autor schwerstem Ideologieverdacht auszusetzen! Leider erfährt man in von Matts Nachwort nichts über die Umstände, die dazu führten, dass ein damals sechsundzwanzigjähriger Schweizer Autor sein Buch in einem deutschen Verlag unterbringen konnte. Dabei wären solche Informationen für eine gerechte Würdigung des Textes von großer Bedeutung.

Doch solange sie fehlen, muss man sich eben an den Text halten: Frisch erzählt von Dr. Balz Leuthold, einem Mann von dreißig Jahren, der kurz vor dem Hochzeitstermin seine Verlobte Barbara verlässt, um in den Alpen die Bewährungsprobe einer "männlichen Tat" zu suchen. Er möchte den "Nordgrat" ersteigen, den bisher noch kein Bergsteiger bewältigt hat. (Von Matt weist darauf hin, dass Frisch hier auf die gefürchtete Eiger-Nordwand anspielt, deren Erstbesteigung erst 1938 gelang, und zwar einem deutsch-österreichischen Team, was von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgechlachtet wurde.)

Dem kühnen Schweizer Bergsteiger begegnet auf dem Weg zum Gipfel allerdings eine Frau namens Irene, mit der er eine berauschende Liebesnacht unter dem sternklaren Alpen-Himmel erlebt. Aber wie es sich im Jahr 1937 für einen Mann gehört, verlässt er auch diese Frau und steigt weiter gipfelwärts.

Während Leuthold noch mit dem Berg kämpft, ist seine Verlobte Barbara im Tal angekommen, um ihn zu suchen. Sie trifft auf Irene, und die beiden Frauen werden in der Sorge um den verschollenen Mann zu Freundinnen. Nach drei Tagen kommt der Bergsteiger zurück. Er ist am Ende seiner Kräfte, aber er hat, wie es scheint, den Nordgrat bewältigt. Doch er spricht nicht über seinen Erfolg, denn die eigentliche "Antwort", die er aus der "Stille" der Bergwelt mitgebracht hat, heißt, dass "es ein unsagbar ernstes Glück ist, leben zu dürfen".

Bergsteigen, Heldentum, Bewährung - der Verdacht, dass der Roman nationalsozialistischen Vorgaben folgt, liegt nahe, doch ist er nicht berechtigt. Denn dieser Balz Leuthold ist sehr individualistisch, ja, egozentrisch gezeichnet, sodass man sich nicht recht vorstellen kann, dass er jemals in einer "Volksgemeinschaft" aufgehen könnte. Mithin gibt es keinen Grund, das Buch des jungen Frisch als NS-Literatur zu denunzieren.

"Antwort aus der Stille" gehört vielmehr zu jenen Romanen junger Autoren, die sich in den dreißiger Jahren eindeutiger Parteinahmen zu entziehen versuchten, indem sie sich ganz und gar auf individuelle Schicksale konzentrierten. Dabei gelangen dem jungen Max Frisch zwar einige schöne psychologische Feinzeichnungen, doch springt ebenso deutlich ins Auge, dass das Buch eine Fülle pathetischer und sentimentaler Passagen enthält.

Diese künstlerische Schwäche war dem Autor später wohl ebenso bewusst wie die politisch-historische Problematik. Wie Volker Hage in seiner bei Rowohlt erschienenen Frisch-Biographie berichtet, hat der alt gewordene Autor über sein Jugendwerk gesagt, es sei "einfach ein Schmarrn". Und er hatte mit diesem Urteil wohl nicht ganz Unrecht.

Max Frisch: Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen. Suhrkamp, Frankfurt 2009, 172 Seiten, 19,40 Euro.




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Dokument erstellt am 2009-12-04 14:18:29
Letzte Änderung am 2009-12-04 14:19:00


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