• vom 25.09.2009, 14:03 Uhr

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Literarisches Buch

Stamm, Peter: Sieben Jahre




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Das Leben als Projekt
  • Der Schweizer Autor Peter Stamm beschreibt die Insolvenz einer Ehe - als Architektur des Scheiterns.
  • "Lichter und Schatten enthüllen die Formen": So lautet das Motto von Peter Stamms viertem Roman. Es stammt von dem Architekten Le Corbusier, und das fügt sich nicht nur deshalb gut, weil die Hauptfiguren des Romans, Alexander und Sonja, ebenfalls Architekten sind, sondern weil sich die Metapher des Häuserbauens wie ein roter Faden durch das Buch zieht: Sie dient dem Autor als Sinnbild für die Ehe oder als Verweis auf den eigenen Erzählstil.

Peter Stamm.Foto: Jürgen Bauer

Peter Stamm.Foto: Jürgen Bauer Peter Stamm.Foto: Jürgen Bauer

Dann träumt Alexander von hohen, transparenten Sälen, offenen Treppenhäusern; von Räumen, die Gefühle erzeugen. Und genau diese Transparenz und Offenheit, die, ihrer kargen Ausstattung zum Trotz, vielfältige Gefühle evoziert, zeichnet Stamms Prosa aus.


Auch seinen neuen Roman umweht sachte Traurigkeit. Diesmal erzählt Stamm die Geschichte einer Ehe, die - wie die meisten Ehegeschichten - zauberhaft beginnt und traurig endet. Sonja und Alexander lernen sich als Studenten in München kennen; sie entstammen unterschiedlichen Milieus, sie ist aus reichem Hause, er aus einfachen Verhältnissen, was freilich erst ins Gewicht fällt, als die ersten Konflikte aufbrechen. Später arbeiten sie zusammen, haben Erfolg und klettern auf der Karriereleiter peu à peu hinauf. Und alles könnte bilderbuchhaft weitergehen, würde Alexander sich nicht von jener unscheinbaren Polin enorm angezogen fühlen, mit der er schon als Student ein obsessives Verhältnis eingeht. Iwona heißt die Frau, die sich ihm hingibt wie keine sonst, und die ihn mehr zu lieben scheint als er sich selbst: eine Amour fou . Doch als Sonja und Alexander heiraten, scheint die Affäre vergessen.

Sieben Jahre später indes, im verflixten siebten Jahr, bricht Alexanders Verlangen nach Iwona, nach dem anderen Leben, dem Fremden, dem nicht Kontrollierbaren wieder auf. Iwona eröffnet Alexander eine Parallelwelt, in der Gesetze gelten, die ihn verstören.

Davon und vom abenteuerlichen weiteren Verlauf seiner Ehe lässt der Autor Alexander in Rückblicken erzählen. Mittlerweile ist Alexander Vater einer kleinen Tochter geworden, die Tiefschläge liegen hinter ihm. Er erzählt einer Bekannten, wie sich damals alles zugetragen hat. In Form einer Beichte versucht er, vor sich selbst Rechenschaft abzulegen und zu ergründen, was ihn damals trieb, doch es gelingt ihm nicht, sich selbst auf die Schliche zu kommen.

Es ist, als wäre nicht er es gewesen, der immer wieder Kontakt zu Iwona aufnahm, sondern ein anderer. Nie fühlt er sich in dieser Affäre als Agierender, sondern immer als Getriebener. Seine eigenen Abgründe erscheinen ihm dabei so fremd wie anderer Men-schen Nachttischschubladen, und wenn er von seinen Treffen mit Iwona erzählt, tut er dies in bei-nahe keuscher Zurückhaltung.

Die sexuelle Hörigkeit, die er sich selbst attestiert, wirkt wie eine behauptete, zumal er seine eigenen Abgründe nicht auslotet. Die Leser erfahren alles, was geschieht, ausschließlich aus Alexanders Perspektive. Er erzählt, wie es gewesen ist, oder vielmehr, wie er es erlebt hat. Seine Selbstfindung steht im Zentrum des Romans. Stück für Stück bröckelt die Fassade seiner Bilderbuchehe ab und gibt sein wahres Leben frei. So vermag Peter Stamm wieder einmal zu verdeutlichen, wie einem das eigene Leben passieren kann.

Dabei gelingen ihm mit den Figuren Sonja und Alexander sowie deren bunt gemischtem Freundeskreis abermals Lebensläufe, die in all ihrer Unausrichtbarkeit reine Gegenwart verströmen. Immerzu befällt einen das Gefühl, diese Leute persönlich zu kennen. Es ist die Generation derer, die alle Optionen haben und gerade deswegen ins Schleudern geraten. Denn ganz gleich, wie sie sich entscheiden, schuld sind immer sie selbst, und die Sehnsucht nach dem anderen, nicht gelebten Leben wird zu ihrem ständigen Begleiter.

So sind auch Sonja und Alexander immer auf der Suche nach der optimalen Lösung; und manche ihrer Entscheidungen raubt einem ob all ihres schnöden Pragmatismus den Atem. Mit unaufdringlicher Präzision schaut Stamm hinter die glänzenden Spiegel der aufpolierten Biografien und erzählt davon, wie eine Ehe in die Insolvenz gerät. Leichthändig schreibt er über berufliches wie privates Scheitern und über das Leben als Projekt. Das macht er ohne eine Spur von Häme, sondern mit kühler Zärtlichkeit und Empathie.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-09-25 14:03:52
Letzte Änderung am 2009-09-25 14:02:00


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