• vom 14.08.2009, 14:43 Uhr

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Literarisches Buch

Cartarescu, Mircea: Nostalgia




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Von Ingeborg Waldinger

  • Ein banges Herzstocken
  • Der Bukarester Autor Mircea Cartarescu durchtränkt seine Heimat mit schwarz-romantischer Universalpoesie.

Mircea Cartarescu.Foto: Cosmin Bumbut/Wikimedia

Mircea Cartarescu.Foto: Cosmin Bumbut/Wikimedia Mircea Cartarescu.Foto: Cosmin Bumbut/Wikimedia

Russisches Roulette ist ein Spiel auf Leben und Tod: Der Spieler setzt sich einen Trommelrevolver an die Schläfe und drückt ab; die Position des - einzigen - Geschosses kennt er nicht. Der potentielle Todeskandidat verkauft seine Seele. Und dies zum Ergötzen eines Publikums, dessen Voyeurismus dem Spektakel eine erschreckende gesellschaftliche Dimension verleiht.


"Der Roulettspieler" des rumänischen Postmodernisten Mircea Cartarescu ist der namenlose Held einer gleichnamigen Novelle, die den Erzählband "Nostalgia" einleitet. Als Ich-Erzähler fungiert ein Schriftsteller, der den Hasardeur seit Jugendtagen kennt und ihm mit Respekt begegnet. Jener tritt in obskuren Kellergewölben auf, wo wohlgekleidete Herren, die sich "Aktionäre" nennen, auf den Ausgang des Vabanquespiels wetten. Stirbt der Spieler, zahlt der Veranstalter den Einsatz zurück; überlebt der Desperado, erhält er einen Teil des Gewinns. Cartarescus Protagonist überlebt jeden Auftritt, wird steinreich und zum Mythos. Doch seine Unverwundbarkeit senkt seinen Marktwert - worauf er die Patronenzahl im Revolver stetig erhöht. Seine letzte Vorstellung gibt der Spieler in der Kühlhalle unter dem Schlachthof. Der Raum besticht durch luxuriöse Schäbigkeit, der Star durch "geschmackvolle Zerlumptheit". Er überlebt schwer verletzt. Sein Herz versagt erst, als er Opfer eines Raubüberfalls wird. Allein: die Pistole des Räubers war nicht geladen.

Der Spieler sei sein "Wetteinsatz" und "zugleich der Sauerteig . . . , um den herum erneut das lockere Brot der Welt aufgehen könnte", erklärt der Autor. Cartarescu thematisiert die Motive seines literarischen Schaffens, sein Ringen um ein "reines Bekenntnis . . ., frei vom Kerkerdruck der künstlerischen Konvention". Dieses entpuppt sich freilich auch als ein Anschreiben gegen den Tod: indem sich der Schriftsteller selbst "verewigt" - als Gestalt in einer Erzählung. Cartarescu spiegelt sich in den fünf Erzählungen des Bandes mehrfach, durch Doppelgänger wie durch Travestien.

Allen Texten des Bandes ist ein realer Boden gemein: das Bukarest der 1960er und 1970er Jahre, also die Kindheits- und Jugendwelt des Autors. Cartarescu verortet seine Geschichten auf morastigen Spielplätzen vor tristen Wohnblocks, in desolaten Althäusern und bizarren Türmen oder im Brachland der Peripherie. Doch so systematisch die Gelände ins Wanken geraten, so gewiss nehmen die Gebäude dämonische Züge an, ufern die Kinderspiele zu psychedelischen Experimenten aus. Das Grau des realen Sozialismus kapituliert vor einem byzantinischen Sinnenrausch. Parfums, Rot- und Goldtöne kontrastieren mit der Fäulnis labyrinthischer Korridore. Reales und Fiktives verschmelzen - wie im Traum, der ein tragendes Element der Texte bildet. Etwa in der Erzählung "REM", deren Titel wohl nicht zufällig auf die komplexen Traumphasen des "REM-Schlafs" anspielt. Doch REM bedeutet hier vieles, auch: "ein banges Herzstocken angesichts des Ruins aller Dinge . . ., Erinnerung der Erinnerungen, Nostalgie."

Geradezu alptraumhafte Sequenzen bietet der Text "Die Zwillinge", dessen Handlung um die "brackigen Wasser der Adoleszenz" kreist. Bukarests Naturhistorisches Museum fungiert als erotischer Initiationsraum. Der Autor präsentiert das Haus zunächst als "taxonomisches Paradies", um die Sammlungen alsbald in halluzinatorische Bilder zu übersetzen. Cartarescu lässt die Präparate erwachen und seine Helden (einen Schriftsteller und dessen junge Vamp-Frau) einen wahren Horrortrip durchleben.

Apokalyptisch verhallt auch der Epilog "Der Architekt": Der Bukarester Architekt Popescu baut seinen Wagen, einen Dacia, zur Musikmaschine aus. Mit der Autoorgel beschallt er letztlich die ganze Welt. Popescu etabliert eine "Melokratie" und nimmt die Dimension einer Schöpfergottheit an.

Cartarescus sprachliche wie szenische Delirien fordern dem Leser Geduld ab, die lohnt. Gern inszeniert sich der Autor auch als poeta doctus : Seine Ahnherrn reichen von Novalis über Zola, Huysmans und Proust bis zu Kafka, Woolfe oder Borges. Großartige Träumer allesamt, deren künstliche Paradiese die Gesetze von Raum und Zeit, von Natur und Kultur überwinden. Ihnen folgend, arbeitet Cartarescu an seiner schwarz-romantischen Universalpoesie: durch Literatur "das Wunder Welt (zu) vergrößern".
Mircea Cartarescu: Nostalgia. Erzählungen. Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2009, 415 Seiten, 25,50 Euro.




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Dokument erstellt am 2009-08-14 14:43:20
Letzte Änderung am 2009-08-14 14:43:00


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