• vom 20.03.2009, 15:07 Uhr

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Update: 20.03.2009, 15:08 Uhr

Aus Lust am Selberdenken

Hirschenberger, Alfred: Die Welt, ein System von Annahmen




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Von Hermann Schlösser

  • Kleiner Hinweis auf Alfred Hirschenberger.

Vor kurzem ist in einem Berliner Kleinverlag ein schmales Buch mit dem provokanten Titel "Die Welt, ein System von Annahmen. Eine lustvolle Hinterfragung des Systems Kapitalismus´" erschienen. Sein Verfasser heißt Alfred Hirschenberger.


Wer aber ist Hirschenberger? Er ist 1919 in Wien geboren, wo er heute noch lebt. Seine Familie war in der Zwischenkriegszeit sozialistisch, er selbst ist ganz im Geist des "Roten Wien" aufgewachsen. In der Zweiten Republik hat er sich aber weder der SPÖ, noch irgendeiner anderen Partei angeschlossen. Wie man seinem neuen Buch unschwer entnehmen kann, ist Alfred Hirschenberger kein parteikonformer Geist, sondern ein Selberdenker, der zum Beispiel schreibt: "Sollte nicht doch gelehrt werden, dass Lohnarbeit nicht Lebenssinn sein kann, er nur in freier Selbstentfaltung schöpferischer Freizeit, Liebe, Lust und Lebendigkeit zu finden ist? Welch subversive Idee! Wäre es nicht an der Zeit, das Arbeiterlied Die Arbeit hoch...´ aus der Vorzeit der Arbeiterbewegung, als leidvolles museumsreifes Sklavenlied abzulegen?"

Dass diese Sehnsucht nach Abschaffung der Lohnarbeit utopisch ist, weiß der Autor selbst. Er setzt in seinem Buch aber voraus, dass uns die Welt immer als ein "System von Annahmen" erscheint, und dass es der Menschheit durchaus gut täte, würde sie zuweilen ihre gängigen Annahmen durch gegenläufige Denkmöglichkeiten ersetzen: "Warum regnet es, fragt das Kind? Ja, warum regnet es wirklich? Regnet es, damit etwas wächst? Wenn dem so ist, so wäre das ein wundersames Fügen, wie kann es anders sein, göttlicher Absicht. Wie aber, wenn es wächst, weil es regnet, was dann?" Mit solch unerwarteten Fragen will der Autor die Welt im Allgemeinen und das "System Kapitalismus" im Besonderen in einem Licht erscheinen lassen, das sich von den üblichen Beleuchtungen unterscheidet.

Natürlich: Wer will, kann eine solch "lustvolle Hinterfragung" als unrealistisches Literatengerede abtun. Denn ein Literat ist Alfred Hirschenberger ja: 1983 erschien sein Kurzprosaband "Spiegelung" (Uhlen-Verlag, Wien), 1989 folgte die längere Erzählung "Liesing. Lainz. Langenzersdorf" (Edition Maioli, Wien), die freilich die Prosa der Arbeitswelt zum Thema hat.

Hirschenbergers Kapitalismus-Anzweiflung ist ebenfalls keine Poesie. Gewiss schreibt er auch in diesem Buch einen literarischen, locker assoziativen Stil, der sich häufig zu expressiven Bildern steigert: "Ein Aufzucken einer Sternschnuppe, im Nichts verlöschend. Warum, wozu? Man müsste die Sternschnuppe fragen. Und doch - in dem sich spiegelnden Nichts blitzt das Bewusstsein auf, dem sinnlosen Nichts sich widersetzend. Der knisternde Funke - er allein ist alles."

Trotzdem ist Hirschenberger alles andere als ein weltfremder Schöngeist. Von Beruf war der gelernte Werkzeugmacher nämlich Betriebsleiter in mehreren Firmen - das heißt, er kennt die Arbeitswelt aus Erfahrung und vermag ihre Abläufe und Organisationsformen anschaulich zu schildern.

Zugegeben: Rezepte zur schnellen Lösung der Wirtschaftskrise findet man in diesem Essay nicht. Der Autor ruft aber auch nicht zur Abschaffung des Kapitalismus auf. Er ist, wie gesagt, kein Kämpfer, sondern ein individualistischer Kopf, der sich die Freiheit nimmt, eigene Gedanken zu haben. Denn, so meint er: "Es wird ja noch erlaubt sein, ein bisschen am weltweit kapitalorientierten Wirtschaftsgefüge zu kratzen?" (Mit Fragezeichen am Ende . . .)

Heuer wird Alfred Hirschenberger bei bester geistiger und körperlicher Verfassung 90 Jahre alt. Das Selberdenken hat ihm offensichtlich gut getan.

Alfred Hirschenberger: Die Welt, ein System von Annahmen. Eine lustvolle Hinterfragung des Systems "Kapitalismus". edition wortmeldung, Berlin 2008, 128 Seiten, 12,80 Euro.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-03-20 15:07:35
Letzte Änderung am 2009-03-20 15:08:00

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