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Update: 02.12.2008, 16:23 Uhr

Sachbuch

Holzer, Anton: Das Lächeln der Henker




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Von Hellmut Butterweck

  • Zeitgeschichtlicher Schocker in Bildern: Dokumente zum Wüten der k.u.k. Massenmörder
  • Die Verbrechen an der Zivilbevölkerung im 1. Weltkrieg.
  • Grinsende Zeugen bei Hinrichtungen.
  • Gehenkte und immer wieder Gehenkte. Herren im Pelz, im Anzug, Bauern in Tracht, Zerlumpte. Greise, verschreckte halbe Kinder, alles dazwischen. Allein, in Gruppen, in Reihen, an Bäumen, an Telegrafenmasten, an Galgen. Die Kappen, die Hüte noch auf dem Kopf. Auch zwei Frauen, jung und hübsch, das Foto lässt es noch erkennen. Oft auch posierende Zuschauer. Ein Soldat, der sich über die Leiche eines ukrainischen Priesters amüsiert. Naziverbrechen? Mitnichten! Der Fotoband "Das Lächeln der Henker" von Anton Holzer dokumentiert die von österreichischen Armeen im Ersten Weltkrieg begangenen Verbrechen.

Ruthenischer Junge ist zum Tod verurteilt. Foto: Archiv

Ruthenischer Junge ist zum Tod verurteilt. Foto: Archiv Ruthenischer Junge ist zum Tod verurteilt. Foto: Archiv

Anton Holzer ist als Historiker auf das Spezialgebiet Fotogeschichte spezialisiert und Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte". Der Spruch vom Bild, das mehr als tausend Worte sagt, ist ja eher eine Phrase. Bilder, vor allem solche, sind nur dann aussagekräftig, wenn man sie korrekt einordnet und interpretiert. Da Holzer genau dies tut, ist sein Werk ein zeitgeschichtlicher Schock.


Die Fakten sind nicht aus der Welt zu schaffen. Die k.u.k. Armee verhielt sich im Ersten Weltkrieg auf dem Balkan, in Polen und Russland kaum besser als die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg abgesehen vom Holocaust. In Serbien, Bosnien und Kroatien, im adriatischen Küstenland, in Galizien fielen nicht Tausende, sondern Zehntausende Zivilisten, meist ohne gerichtliches Verfahren, einer zur Hysterie gesteigerten, von den Offizieren noch angeheizten Spionenfurcht zum Opfer.

Am schwersten betroffen war die ukrainische und jüdische Zivilbevölkerung in Galizien. In Ostgalizien konnte jeder Gendarmeriewachtmeister, jeder Feldwebel jeden angeblichen Spion, jeden willkürlich Verdächtigten ohne Formalitäten hinrichten lassen. Die Zeitungen brachten Fotos von Verhaftungen und Exekutionen. "Abführung eines gefangenen russischen Spions" oder "Ein spionageverdächtiger Bauer" oder "Dringend der Spionage verdächtige Frauen" oder "Deutsche Feldgendarmen mit einem jüdischen Spion" lauteten die Unterschriften.

Die Hinrichtungen geschahen öffentlich, die Umstehenden feixten, die Aufnahmen kursierten auch als Postkarten, man wollte Schrecken verbreiten. Es gab sogar eigene Hinrichtungskurse.

Der Terror musste sich nicht einmal erst aufschaukeln. "In allen serbischen Orten auch diesseits der Grenze Geisel ausheben" und "Bei Zwischenfällen Geisel justifizieren. Orte niederbrennen. Dies allgemein publizieren", hieß es bereits in einer Anweisung des Armeeoberkommandos vom 12. August 1914. Die ersten Massaker an der serbischen Zivilbevölkerung fanden in der dritten Kriegswoche statt.

Das Foto des grinsenden, aus Wien angereisten Henkers Joseph Lang mit Schnurrbart, Fliege und Melone über der Leiche des ehemaligen Reichsratsabgeordneten Cesare Battisti inmitten lächelnder Zivilisten und Soldaten wurde unsterblich. Karl Kraus verwendete es als Frontispiz seiner "Letzten Tage der Menschheit". Der Trientiner Battisti war als italienischer Patriot in die italienische Armee eingetreten, von den Österreichern gefangen genommen und als Verräter verurteilt worden. Der eine Gehenkte steht für Zehntausende.

Unverdaulicher Brocken

Am 18. August 1914 hatte Feldmarschallleutnant Kasimir von Lütgendorf in abac befohlen, drei eigene Soldaten, die betrunken in der Gegend herumgeschossen haben sollten, ohne Einvernahme, ohne jedes Verfahren, auf dem Platz vor der Kirche öffentlich hinzurichten, und zwar mit Bajonetten. Einen Offizier, der Einwände erhob, hatte er angeherrscht: "Sie werden mir in fünf Minuten den Vollzug melden oder Sie stellen sich als Vierter daneben!" Er wurde 1920 von einem österreichischen Gericht verurteilt.

Der gelernte Österreicher errät das Urteil. Es lautete auf sechs Monate strengem Militärarrest ohne Verlust des Ranges und der Auszeichnungen. Leider wird dieser Bildband kaum die Beachtung finden, die er verdient. Das Thema ist ein allzu unverdaulicher Brocken für das österreichische Selbstverständnis.

Anton Holzer: Das Lächeln der Henker - Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914 - 1918. Primus Verlag 208 Seiten, 39,90 Euro.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-12-02 15:48:23
Letzte Änderung am 2008-12-02 16:23:00


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