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Update: 18.03.2011, 19:46 Uhr

Sachbuch

Felber, Christian: Gemeinwohl-Ökonomie - Das Wirtschaftsmodell der Zukunft




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Von Hellmut Butterweck

  • Utopia einer schöneren, gerechteren Welt
  • Attac-Mitbegründer Christian Felber will Beziehungswerte in die Wirtschaft überführen.
  • Niemand soll mehr als den zwanzigfachen Mindestlohn verdienen dürfen. Persönliches Eigentum im Wert von mehr als zehn Millionen heutigen Euro soll unterbunden werden. Nur noch kleine Unternehmen sollen Privateigentum sein. Wenn sie wachsen, werden sie sukzessive genossenschaftliches Eigentum der in ihnen Tätigen. Aktiengesellschaften soll es nicht mehr geben.

Erben kann man höchstens im Wert von 500.000 Euro, alles darüber kommt in einen großen Topf, aus dem eine "demokratische Mitgift", ein Startkapital für jeden Bürger, finanziert wird. Wenn Unternehmen Kredite aufnehmen, sollen die Zinsen nach der sozialen und ökologischen Nützlichkeit der geplanten Produktion gestaffelt werden. Die Unternehmen müssen ihre Mittel für Investitionen bei der Demokratischen Bank deponieren.


All dies und mehr listet Christian Felber, einer der Gründer von Attac Österreich, in seinem Buch "Gemeinwohl-Ökonomie: Das Wirtschaftsmodell der Zukunft" auf. Sein Ziel ist eine ökologisierte Wirtschaft, die nach dem Prinzip Kooperation statt nach dem Konkurrenzprinzip funktioniert. Dazu fällt einem alles mögliche ein, vom Utopia des Thomas Morus bis zur "Fortbildung des Menschengeschlechts", die Hermann Heinrich Gossen vorschwebte. Mit der Ansicht, eigentlich gehörte "jede Martktwirtschaft, die auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruht, in rücksichtslose, inhumane und illiberale weil freiheitszerstörende Marktwirtschaft" umbenannt, schießt Felber auch nicht weiter übers Ziel hinaus als die Apologeten der ungebremsten Globalisierung.

Sein Konzept hat nur eine Schwäche: Er bleibt uns jede Andeutung schuldig, wie es umzusetzen wäre. Bei der Verwirklichung der großen Weltentwürfe vom Reißbrett kam bisher nie das Gewünschte heraus. Wahrscheinlich wäre sein Utopia eine schönere, gerechtere Welt als der existierende Kapitalismus. Aber bei der Eins-zu-eins-Umsetzung könnte etwas entstehen, wovor selbst Felber graut. Er lässt sich ja nicht einmal auf die Probleme seiner Gemeinwohl-Ökonomie inmitten anders organisierter, mit ihr verflochtener Wirtschaften ein.

Doch auch wenn Felbers Hoffnung auf das Überführen von Beziehungswerten in die Wirtschaft im Großen kaum Chancen haben mag, kann das Konzept Positives hervorbringen. Auf der Liste seiner Unterstützer stehen immerhin bereits 205 Unternehmen. Das Ergebnis der Gemeinwohlbilanz, zu der sich ein Teil verpflichtet hat, dürfte interessant werden. Als Substruktur einer Volkswirtschaft, getragen von einer Gruppe Überzeugter unter dem Korrektiv der Praxis, kann sich das Gemeinwohlprinzip ähnlich bewähren wie Mohammad Yunus´ Mikrokredite als Stachel im Fleische der Finanzwirtschaft.

Der Wert solcher Ideen steht und fällt auch nicht mit ihrer Umsetzbarkeit. Mit seiner radikalen Absage an das Konkurrenzprinzip ist Felber ein Vorkämpfer für die Stärkung von Kooperation. Beide Verhaltensweisen sind im Menschen angelegt und sollten in ein Gleichgewicht gebracht werden. Mit seiner egalitären Grundhaltung schwimmt Felber gegen einen Zeitgeist, dessen flächendeckende Propagierung ungerechte Verhältnisse stabilisiert.

Sachbuch

Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie - Das Wirtschaftsmodell der Zukunft, Deuticke, 160 Seiten, 15,90 Euro




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Dokument erstellt am 2011-03-18 19:45:15
Letzte Änderung am 2011-03-18 19:46:00


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