• vom 16.10.2007, 12:30 Uhr

Bücher aktuell

Update: 16.10.2007, 12:41 Uhr

Sachbuch

Haidinger: Von der Guillotine zur Giftspritze




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Werner Grotte

  • Sterben auf gesetzliche Anordnung: Die vielen Gesichter der Todesstrafe
  • In Österreich gab es die letzte Hinrichtung 1955.
  • Henker war bis 1919 ein ehrbarer und erbbarer Beruf.
  • In vielen Ländern gibt es bis heute Steinigungen.
  • In Österreich kennen wir sie nur (noch) vom Hörensagen: die Todesstrafe. Dabei ist es erst 52 Jahre her, seit sie das letzte Mal hierzulande Anwendung fand. Weltweit werden jedes Jahr tausende Todesurteile gefällt, auch in "zivilisierten" Ländern wie den USA, aber auch in umworbenen (Wirtschafts-)Partnern des Westens wie China oder Saudi Arabien. Der Wiener Journalist, Kabarettist und Autor Martin Haidinger geht detailliert auf Geschichte, Rechtsgrundlagen, Spielarten und Ausführende dieser gesetzlich angeordneten Tötungen ein und eröffnet manch grausige Optik. Etwa öffentliche Steinigungen, die in etlichen moslemischen Staaten nach wie vor praktiziert werden - vor allem an "unzüchtigen" Frauen oder sogar Kindern.

Enthauptung von Frankreichs König Ludwig XVI. am 21. Jänner 1793. Foto: Getty Images

Enthauptung von Frankreichs König Ludwig XVI. am 21. Jänner 1793. Foto: Getty Images

Enthauptung von Frankreichs König Ludwig XVI. am 21. Jänner 1793. Foto: Getty Images

Enthauptung von Frankreichs König Ludwig XVI. am 21. Jänner 1793. Foto: Getty Images Enthauptung von Frankreichs König Ludwig XVI. am 21. Jänner 1793. Foto: Getty Images

Dabei ist die Todesstrafe so alt wie die Menschheit und findet sich schon im Alten Testament. So wie der Pranger galten Hinrichtungen in Zeiten lange vor Erfindung der Television als öffentliche Lustbarkeit und wurden entsprechend zelebriert. In Wien etwa wurden Verbrecher bis ins späte 19. Jahrhundert bei der "Spinnerin am Kreuz" öffentlich gehängt.


Danach wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Mit Ende der Monarchie kam 1919 auch das Aus für die Hinrichtungen - doch nicht für lange: 1933 führte Kanzler Engelbert Dollfuß die Todesstrafe wieder ein; sie erlebte nach den Unruhen im Februar 1934 mit der Hinrichtung von acht sozialdemokratischen Aufrührern einen traurigen Höhepunkt.

Auch jene nationalsozialistischen Attentäter, die Dollfuß wenig später erschossen, wurden hingerichtet. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg tat sich die junge Republik schwer, die Todesstrafe aufzugeben: Zwar schaffte man sie per Verfassung ab, genehmigte sie aber per Ausnahmeregelung wieder; parallel töteten die alliierten Besatzer unabhängig davon Gefangene ohne Gerichtsverfahren bis 1955. Der letzte gerichtlich verurteilte Mörder starb in Wien 1950.

Der Beruf des Henkers war bis 1919 in Österreich erblich und galt als ehrbar. Danach profanisierte sich das Gewerbe: So brüstete sich US-Sergeant John C. Woods stolz, 1946 in Nürnberg "zehn Nazis in 103 Minuten" aufgehängt zu haben. Er hatte sich für den Job mit Nachdruck beworben. Insgesamt kamen auf das Konto des Texaners 347 Hingerichtete in 15 Jahren. Er selbst starb 1950 - beim Ausprobieren eines neuen elektrischen Stuhles.



Lebendig geröstet
Den ersten dieser Art bestellte sich übrigens der abessinische Kaiser Melink II. nach einer Demonstration 1890 direkt beim Erfinder. Nach Lieferung stellte sich heraus, dass das wichtigste in Abessinien noch fehlte: der Strom. Somit verwendete der Herrscher den Stuhl fortan als Thron.

Und er tat gut daran: Die erste öffentlich Hinrichtung per Stuhl am 6. August 1890 in New York endete mit einer Katastrophe: Der Delinquent wurde vor Publikum lebendig geröstet.

Das einprägsamste Symbol der "Wiege aller europäischen Demokratien", der Französischen Revolution, sollte ein Köpf-Apparat, die Guillotine, werden. Das öffentliche Köpfeabhacken in Paris soll zwischen 1789 und 1794 dermaßen überhand genommen haben, dass man stellenweise in Blut watete. Rund 100.000 Opfer soll die Revolution insgesamt gefordert haben.

Mit 230 gerichtlich angeordneten Tötungen seit 1987 (durch Giftspritze oder Gas) hält Huntsville im US-Bundesstaat Texas in der westlichen Hemisphäre einen Rekord. Weltführer im Hinrichten ist derzeit laut Haidinger des Westens liebster Spielzeughersteller, die Volksrepublik China: Dort sollen pro Jahr rund 10.000 Verurteilte im Namen des Rechts fallen.

Schaurig.

Haidinger, Martin: Von der Guillotine zur Giftspritze. Ecowin Verlag, 222 Seiten, 19,95 Euro.




Schlagwörter

Sachbuch

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2007-10-16 12:30:59
Letzte Änderung am 2007-10-16 12:41:00



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Bohemien und Intellektueller
  2. täglich
  3. Die andere Elizabeth Taylor
Meistkommentiert
  1. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
  2. Rosamunde Pilcher verstorben
  3. Else Lasker Schüler, alias "Prinz Jussuf von Theben"

Werbung




Werbung