• vom 23.02.2007, 13:19 Uhr

Bücher aktuell

Update: 28.05.2018, 10:31 Uhr

Literarisches Buch

Die Wirklichkeit als Lehrmeisterin




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Oliver vom Hove

  • Am 25. Februar 1707 wurde in Venedig der große Kömodiendichter und Theaterreformer Carlo Goldoni geboren. Eine Hommage zum 300. Geburtstag.
  • Der Eindruck lässt sich nicht länger zurückweisen: Das Theater geht vor die Hunde (und Hündinnen). Keine Anregung des Geistes, keine Aufregung der Sinne geht mehr von ihm aus. Stattdessen dummdreiste Maskeraden, szenische Lausbübereien und Scherzartikel aus der untersten Klamottenlade, garniert mit Fäkalsprüchen und Obszönitäten.

Carlo Goldoni, porträtiert von Alessandro Longhi. Foto: Wikimedia

Carlo Goldoni, porträtiert von Alessandro Longhi. Foto: Wikimedia Carlo Goldoni, porträtiert von Alessandro Longhi. Foto: Wikimedia

Dem zunehmend angewiderten Publikum werden gegen Geld zur Schau gestellte juvenile Gärungsprozesse vorgesetzt, willkürliche Wörtlichkeiten statt geformte Sprache, Abziehbilder von Figuren statt Menschengestalten mit erkennbarem Geschichts- und Charakterprofil. Erfolggehetzte Theaterleiter ohne Skrupel suchen ihr Heil in aktionistischen Hochämtern voll Mummenschanz und banalem Leerlauf, verbunden mit Ausbeutung aller Beteiligten. Übertroffen in ihrem bösen Bühnentreiben werden sie nur von jenen Primadonnen des Schaugeschäfts, die sich im Konkurrenzkampf gegen ihresgleichen mit den niederträchtigsten Tricks der Ausgrenzung und Verunglimpfung gemein machen.


Sehnsucht nach Reform
Dem jungen Carlo Goldoni, dem bereits im Elternhaus die Leidenschaft für die anspruchsvolle Bühnenkunst geweckt wurde, drängt sich dieser bedrückende Eindruck vom Zustand des italienischen Theaters seiner Gegenwart von früh an auf. Die Stegreifkomödie, die als Commedia dell'arte den Ruhm der Schauspieler aus Italien nach ganz Europa getragen hat, erlebt er als dringend erneuerungsbedürftig. Zwei Jahrhunderte Tradition hatten die erfundenen Figuren und Situationen zu schalen Stereotypen erstarrt, die Späße ausgeleiert und die Schauspieler zu maskierten Zotenreißern abgewertet.

Insbesondere die Komödiantinnen drängten dazu, sich egomanisch im Divengehabe einzurichten. Zu den köstlichsten Stellen in Goldonis im Alter verfassten Lebenserinnerungen gehört seine immer wieder hervorbrechende Empörung über die Launen des weiblichen Mimengeschlechts. Als 14-Jähriger war er auf einer Barke voll Schauspielern dem Schulzwang in Rimini entflohen und hatte mitansehen müssen, wie eine Primadonna wegen einer ins Meer gesprungenen Katze, die "wild und eigensinnig wie ihre Gebieterin" war, die ganze Truppe tyrannisierte und sich anschickte, die unachtsame Kammerzofe ihrem Liebling hinterher zu werfen. Er hielt sich fortan lieber an die anspruchsloseren, und auch anschmiegsameren Soubretten, musste aber als Bühnenautor viel Ungemach von herrschsüchtigen Protagonistinnen erleiden. Umso bravouröser, dass er wie kein anderer Theaterdichter vor ihm eine Vielzahl vollausgereifter, souverän für ihr Schicksal selbst verantwortlicher Frauengestalten entwickelt, die in nicht wenigen seiner Komödien gleich die Handlungsführung übernehmen.

Indes, wie ein Theater reformieren, das derart in die Schmiere abgesunken ist? Goldoni, der Dichter, begründet beherzt den Wert des Autorentheaters für seine Zeitgenossen neu: Die Eigenart der Sprache soll den Charakteren auf der Bühnen ihre Lebendigkeit und Unverwechselbarkeit zurückgeben. Lehrmeisterin ist ihm dabei die Wirklichkeit, die ihn umgibt; bereits im Vorwort zur Erstausgabe seiner Werke (1750) berichtet er, zwei "Bücher" habe er für sein Leben und seine Arbeit gründlich studiert und fleißig "benutzt" : die Welt und das Theater. Im "Buch der Welt" habe er das Rollenspiel der Menschen lesen und darauf zu achten gelernt, wie eigentümlich sich Menschen entlang ihrer Laster und Leidenschaften, ihrer Torheiten und Tugenden verhalten.

Das "Buch des Theaters" dagegen zeigte ihm, wie Charakteren größere Tiefenschärfe, komischen Situationen die nötige Zuspitzung, dem dramatischen Geschehen die wirksamsten Spannungsbögen verschafft werden können. Entgegen seinem Vorbild Molière entlarvt er weniger mit dessen satirischer Schärfe als vielmehr mit gutmütigem Spott die Stärken und Schwächen der von ihm lebensnah geschilderten Figuren. Und er bringt als Dramatiker zum ersten Mal die unmittelbare Lebenswelt seiner Figuren auf die Bühne: das Milieu. Da Goldoni gebürtiger Venezianer ist - geboren vor 300 Jahren, am 25. Februar 1707 -, bedeutet das vor allem: die Gesellschaft Venedigs seiner Zeit und Mundart, zunächst des Bürgertums, später insbesondere des "popolo minuto", der Welt der kleinen Leute, der Kaufleute, Advokaten, Gastwirte, Fischer und Gondolieri.

Nach und nach nahm der Theaterreformator Goldoni den Schauspielern die Masken ab, hinter denen sich so viel geistlose Saturiertheit bequem gemacht hatte. Um seine Theaterreform durchzusetzen, galt es zunächst, die vielfach skeptischen Schauspieler zu überzeugen, die nicht ohne weiteres die selbstbewusste Stegreifrede gegen die Mühsal des genauen Rollenstudiums eingetauscht sehen wollten. Er gewann sie für sich, indem er vorerst nur die Texte der Hauptrollen festlegte und erst allmählich vollständig ausformulierte Stücke bereitstellte. Zudem schrieb er, wie viele große Theaterautoren, dem Mimen die Rollen gleichsam auf den Leib und studierte sie mit ihnen selbst ein. Sein "Nuovo Teatro Comico" begann er mit einem Lehrstück, in dem ein Theaterdirektor die Regeln vorführt, nach denen künftig eine neue Natürlichkeit das Lustspiel beleben sollte. Fünfzehn Jahre lang, von 1747 bis 1762, arbeitete der Vielschreiber Goldoni in Venedig wie im Augiasstall an seiner Erneuerung der Bühnenkunst: von Puristen geschmäht, vom Publikum geliebt, mit dem er einmal sogar die Wette abschloss, binnen eines Spieljahres (nämlich 1750/51) sechzehn neue Komödien auf die Bretter zu bringen - und es vollends für sich gewann, indem er die Stücke tatsächlich lieferte.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Literarisches Buch

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-02-23 13:19:16
Letzte Änderung am 2018-05-28 10:31:54


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. b + s
  2. Ein fast perfekter Mord
  3. Der wunderbare Sprachkomponist Anton Tschechow
Meistkommentiert
  1. Das mörderische Internet der Dinge

Werbung




Werbung