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Literarisches Buch

Die Wirklichkeit als Lehrmeisterin




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Natürlich litt nicht nur die Qualität unter diesem Produktionsdruck, sondern vorübergehend auch die physische Konstitution des Verfassers. Immerhin war Goldoni bereits in seinem fünften Lebensjahrzehnt, als er seine Theaterreform ernsthaft in Angriff nahm. Dennoch sind einige Glanzstücke unter den sechzehn Komödien: "Das Kaffeehaus", "Der Lügner", "Die schwatzhaften Frauen", vor allem aber das meisterhafte Frauenlob-Lustspiel "Mirandolina" ("La Locandiera").

Pflicht und Neigung
Weshalb der lange Anlauf zur entscheidenden Kraftanstrengung? Bereits der 16-jährige Zögling eines geistlichen Internats in Pavia hatte nach der Lektüre der antiken Autoren, vor allem aber von Machiavellis Komödie "La Mandragola" die Vision eines von der dichterischen Interpretation der Wirklichkeit geprägten Theaters. Zerrissen zwischen seiner Abenteuerlust und dem elterlichen Willen, ihn in einem bürgerlichen Beruf versorgt zu sehen, promovierte Goldoni schließlich 1731 zum Doktor beider Rechte und wurde Advokat in Venedig. Nebenbei schreibt er unentwegt Theaterstücke und leistet sich erotische Kapriolen, die ihn einmal, einer vorschnell versprochenen Heirat wegen, nötigen, die Republik Venedig fluchtartig zu verlassen. In Verona ergreift er die Gelegenheit, sich der Komödiantentruppe des Direktors Giuseppe Imre als Hausdichter anzuschließen. Im November 1734 feiert er mit dem Trauerspiel "Belisario", seinem ersten Stück ohne Masken, eine triumphale Rückkehr nach Venedig.

Im Wetteifer der Schauspielerinnen, ihm für eine gute Rolle ihre Gunst zu erweisen, gerät er abermals in heftige Verwicklungen, denen er sich 1736 in Genua durch Heirat mit der Notarstochter Nicoletta Connio entzog. Indes, die Schauspieler rumoren noch immer gegen die ausgeschriebenen Rollen, und das einheimische Publikum lässt es sich im Theater auch weiterhin gefallen, dass ihm die Reichen und Vornehmen von den Logen aus zum Zeitvertreib auf die Köpfe spucken. Für die Soubrette Anna Baccherini schreibt Goldoni, der inzwischen das (unbezahlte) Amt des Konsuls von Genua angenommen hat, zwar 1742 noch eine seiner bezauberndsten Komödien, "La Donna di Garbo" (Die Frau mit Stil), in der zum ersten Mal sämtliche Rollen ausgeschrieben sind. Doch die Baccherini stirbt 23-jährig, und Goldoni, der tief in Schulden steckt, verliert für längere Zeit die Lust am Theater.

In Pisa unterhält er vier Jahre lang eine Anwaltspraxis, ehe er im Theaterprinzipal Girolamo Medebach einen Mitstreiter seiner Bühnenreform findet, der ihm an seinem Theater SantAngelo in Venedig eine Anstellung als Hausautor bietet. Fortan schreibt der Autor mit unzähligen Komödien - rund 150 kennt man, darunter allerdings weit weniger Charakterkomödien im engeren Sinn - auch gegen den sich deutlich abzeichnenden gesellschaftlichen Verfall Venedigs an, und damit gegen die Vormacht des (falschen) Scheins über das (echte) Sein.

Goldonis Werkfolge spiegelt auch die Sozialgeschichte Venedigs seiner Zeit wieder, vom mittellos gewordenen Adel über das kraftlos diesen imitierende Bürgertum bis zum machtlosen, aber keineswegs sprachlosen Proletariat. Von 1751 an im Teatro San Luca tätig, erlebte Goldoni ein Jahrzehnt der Triumphe, aber auch der heftigsten Anfeindungen. Sein weltoffenes Menschenbild und seine Realitätsnähe wurden vor allem von zwei Widersachern bekämpft: dem Abbate Chiari, der ihn mit Parodien zu verhöhnen suchte, und dem ungleich geistvolleren Grafen Carlo Gozzi, der den Aufklärer Goldoni mit Märchenkomödien beim Publikum ausstach. In der Fehde zwischen dem Enthüller Goldoni und dem Verklärer Gozzi, die dieser vorerst für sich entschied, ist eine kunstideologische Auseinandersetzung abgebildet, die in verschiedenen Verkleidungen bis heute anhält.

Goldoni, inzwischen längst vielfach gedruckt und auch im Ausland gespielt (in Wien zuallererst, in "eingewienerter" Form), verließ Venedig 1762 enttäuscht und folgte einem Ruf des französischen Königs Ludwig XV. nach Paris, wo er Direktor der "Comédie italienne", Sprachlehrer der königlichen Prinzessinnen und zuletzt königlicher Pensionär war. Sein Leben endete tragisch: Die Französische Revolution brachte ihm die Aberkennung der Pension, sodass er buchstäblich verhungerte. Am 6. Februar 1793 starb er. Einen Tag später gewährte ihm, auf Antrag von Joseph, dem Bruder des Dichters André Chenier, die Französische Nationalversammlung wieder die Jahresrente.

Carlo Goldoni hat die Türen des europäischen Theaters weit geöffnet, um die soziale Wirklichkeit hereinzulassen. Doch er schloss dann die Türen für die Dauer seiner Bühnenstücke wieder, damit das Publikum merke, dass zwischen den Kaffeehäusern, Plätzen, Hafenkais draußen und den Schauplätzen drinnen der ordnende Geist eines Dichters tätig war und die Aufmerksamkeit des lachenden Zuschauers auf jene menschlichen Unzulänglichkeiten lenkte, die änderbar sind. Er bleibt ein Wegweiser für das Theater, in welchem Zustand auch immer es sich befindet.

Im Residenz Verlag sind fünf Stücke von Goldoni, übersetzt von H. C. Artmann, vorrätig.

Theater

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-02-23 13:19:16
Letzte Änderung am 2018-05-28 10:31:54


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