• vom 19.08.2006, 00:00 Uhr

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Polizist auf Probe

Balàka: Eisflüstern




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Von Markus Bundi

Wenn heute eine Schriftstellerin vier Jahre lang kein Buch mehr publiziert, beginnt man sich Sorgen zu machen. Fällt ihr nichts mehr ein? Hat sie den Beruf gewechselt? Oder sie arbeitet an einer "großen Sache", wie es Bettina Balàka tat. Bis 2002 veröffentlichte sie drei Gedichtbände, drei Bücher mit Erzählungen, einen kurzen Roman und einen Essay - und dann, so möchte man meinen, holte sie ganz tief Luft, setzte sich hin, versetzte sich zurück ins Wien von 1922 und setzte ein bei der Rückkehr von Kriminalkommissar Balthasar Beck, für den die Kriegsgefangenschaft in Sibirien etwas länger gedauert hatte.


"Eisflüstern" nennt die 40-jährige Autorin ihren 400 Seiten starken Roman; "Eisflüstern", das meint jenes "eigenartige, knisternde Geräusch" , wenn man bei minus 45 Grad ausatmet. Aus solch unwirscher Gegend kehrt Beck zurück, wissend, dass zu Hause Frau und Kind warten, wissend auch, dass er trotz seiner 34 Jahre bereits zum Greis geworden ist. Er beschließt, die Familie nicht sogleich aufzusuchen, will sich erst akklimatisieren, sich der Gegenwart annähern, die allerdings von den Erinnerungen an die Gräuel des Krieges stetig bedrängt wird.

Balàka stellt ihre Hauptfigur mitten in ein dunkles Kapitel österreichischer Geschichte hinein: Die Monarchie ist abgeschafft, die Kriegsschuld drückt, der Antisemitismus keimt neu auf. Wien liegt auf jener Linie, die den Westen künftig vom Osten zu trennen scheint: auf der einen Seite das Deutschtum (das Aufkommen der NSDAP), auf der anderen der Kommunismus. Beck findet schließlich zur Familie, lernt seine Tochter kennen, und er bekommt den Polizeijob zurück - wenn auch nur auf Probe.

Zwei seltsame Morde ereignen sich, und beide verweisen auf Becks Zeit in Sibirien. Beck sieht sich plötzlich selbst im Kreis der Verdächtigen. Die Spannung, die der Roman um die Morde aufbaut, wie auch die Geheimnisse um die Hauptfigur machen nur einen Teil von "Eisflüstern" aus. Getragen wird dieser Roman von einer dichten und überaus präzisen Sprache, einem Duktus der Langsamkeit, darin sich die zwischenmenschlichen Beziehungen der Figuren dem Leser auf organische Weise erschließen.
Bettina Balàka: Eisflüstern. Roman. Droschl Verlag, Graz 2006, 387 Seiten, 24 Euro.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2006-08-19 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-08-18 16:46:00

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