• vom 19.08.2006, 00:00 Uhr

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Triste Gegenwart

Cardedo: Ein Bolero für den Kommissar




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Von Helmut Kretzl

  • Kuba-Krimi von Lorenzo Lunar Cardedo.

Kriminalromanen haftet im Allgemeinen wenig Revolutionäres an. Die Suche nach einem Täter, der mit seinem Verbrechen die etablierte Ordnung gestört hat, seine Ergreifung und damit die Wiederherstellung der gewohnten gesellschaftlichen Ordnung - das ist eher eine bürgerliche Thematik. So gesehen ist Kuba ein ungewöhnlicher Schauplatz für einen Krimi. Für den Autor Lorenzo Lunar Cardedo ist er in erster Linie die Verpackung für eine kritische Bestandsaufnahme der kubanischen Realität fast 50 Jahre nach der Revolution von Fidel Castro und Che Guevara.


Konventionell ist in dem preisgekrönten Buch nur der Ausgangspunkt: Ein Toter wird gefunden. Der alte Cundo war wegen seines Alkoholismus zum Spottobjekt von Jugendlichen geworden. Doch für den selbst aus dem Viertel stammenden Kommissar Leo Martín war der Tote eine Art Vaterersatz, der ihn auf das raue Leben in dem Stadtteil vorbereitete: Cundo ließ ihn als Kind den ersten Schluck Alkohol trinken, er ließ ihm auch "Aufklärung auf kubanisch" zuteil werden.

Die Suche nach dem oder den Tätern wird zu einer Expedition in die triste kubanische Gegenwart. Die geschilderte Realität ist hier schon vor der Verübung eines Verbrechens aus den Fugen. Das Personal des Buches besteht hauptsächlich aus Trinkern, Prostituierten, Schmugglern und Schiebern. Kleinere Diebstähle, Unterschlagungen und Schwarzhandel mit Kaffee oder Medikamenten stehen auf der Tagesordnung.

Der Kommissar gerät in einen Interessenskonflikt: Er muss bei alten Bekannten und Freunden ermitteln, ohne deren Leben zu (zer-)stören. Dank seiner Kenntnis des Milieus ist er aber in der Lage, ausgelegte falsche Fährten zu erkennen und hinter vorgeschobenen Strohmännern den Fadenzieher zu entlarven. Lunar Cardedo lässt seinen Kommissar in Ich-Form erzählen, in kurzen, knochentrockenen Sätzen, die dem Buch den schnoddrigen Tonfall eines Fünfziger-Jahre-Krimis verleihen. Gelungen ist die Übersetzung, die von Studenten der Uni Innsbruck durchgeführt wurde. Sinnvoll gewesen wäre allerdings ein Glossar mit landeskundlichen Sonderbegriffen.
Lorenzo Lunar Cardedo: Ein Bolero für den Kommissar. Roman. Aus dem kubanischen Spanisch von Studierenden der Universität Innsbruck (Haymon, 2006), 176 Seiten, 17,90 Euro.



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Dokument erstellt am 2006-08-19 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-08-18 16:47:00


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