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Update: 01.03.2005, 11:19 Uhr

Literarisches Buch

Wisser: Dopplergasse Acht




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Von Irene Prugger

  • Die Angebetete von vis-à-vis

Thomas Bernhard hat einmal gesagt, wenn er nur lange genug auf eine kahle weiße Wand schaue, erschlössen sich ihm mit der Zeit sehr spannende Beobachtungen. Und auch einem Menschen wie dem Ich-Erzähler aus Daniel Wissers Buch "Dopplergasse Acht" - einem Menschen mit Fantasie und Kombinationsvermögen - erschließen sich solche zumindest dann, wenn er nur lange genug aus dem Fenster schaut. Und das tut er in diesem Buch, einem "Roman in 45 Strophen", nahezu die ganze Zeit über. Grund dafür ist die fesche Ingrid vom Haus vis-à-vis, die der Ich-Erzähler schon seit Jahren verehrt, die er aber bisher noch nie anzusprechen wagte.


Wieder einmal ist es Frühling in der Dopplergasse, das Fenster kann wegen des milden Mailüfterls den ganzen Tag lang offen stehen, und die Herzen weiten sich ebenfalls. Aber zuerst einmal macht sich der Beobachter, der aufgrund seiner Schüchternheit ein stiller Beobachter ist und sich nur im inneren, schrullig-witzigen Monolog nicht mundfaul zeigt, Sorgen um Ingrid, die ja noch nicht die "seine" ist. Die Angebetete kommt nämlich wie so oft mit dem Fahrrad von Hernals zurück, wo sie ihre Tante besucht und dieser in einem Korb Wein mitgebracht hat, aber dann, gerade vor dem Hauseingang, wird sie von einem zwielichtigen Kerl abgepasst - ein Wolf im Schafspelz womöglich, der dem Rotkäppchen vielleicht schon im Stiegenhaus den Garaus macht.

Jedenfalls malt sich der Beobachter die schrecklichsten Dinge aus, nachdem sich die Tür hinter Mann und Mädchen geschlossen hat und die Ingrid drüben so lange Zeit nicht mehr aus dem Fenster schaut. Schon allein die gegenläufige Nummerierung der Häuser in der Dopplergasse scheint für ihn ein Hinweis zu sein, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Und wie der Erzähler weiß, wäre es auch nicht das erste Mal, dass in der Dopplergasse ein Mord passiert. Unter solchen Umständen kann ein verliebter junger Mann vor Sehnsucht und bösen Ängsten ganz schön nervös werden.

" . . . da ich nun wirklich schon so weit war dass ich mir überlegte / ob ich nicht die exekutive einschalten sollte / so dass ich also meine einkäufe nicht verstaute / sondern sofort das telefon nahm und zum fenster lief / denn ich hatte mir ein schnurlostelefon gekauft / damit ich gleichzeitig telefonieren / und aus dem fenster schauen konnte . . ."

Die freie Strophenform des "Langgedichtes" zeigt sich gemäß der durchgängig aufgeregten Verfassung des Erzählers nicht unlogisch und durchaus lesefreundlich, nur hin und wieder ruckt's und rumpelt's aber auch im Rhythmus, als mache der Ich-Erzähler seine Beobachtungen nicht von einem Haus, sondern von einer fahrenden Straßenbahn aus. Auch mit der Orthografie läuft es nicht immer wie geschmiert. Es ist vor allem dem Lektorat anzulasten, dass einmal aus einem Klingonen ein "Kligone" wird und dass der junge Mann seiner Nachbarin die Blumen "giesst", die er dann zwei Zeilen später nochmals "gießt".

Aber was soll man einen Verliebten lange auf Ungereimtheiten in der Rechtschreibung aufmerksam machen, da doch dieser Liebesroman in Strophen schon vom Prinzip her auf höchst charmanten, amüsanten und lesenswerten Ungereimtheiten basiert - und sich Autor Daniel Wisser (Jahrgang 1971, Herausgeber der Literaturzeitschrift "DER PUDEL") auch der Kultur der "Albernheit in spezifisch wienerischer Manier" verpflichtet fühlt.

Daniel Wisser: Dopplergasse Acht. Roman in 45 Strophen. Ritter Verlag, Klagenfurt 2003, 93 Seiten.




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Dokument erstellt am 2003-08-29 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 11:19:00



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