• vom 04.04.2003, 00:00 Uhr

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Update: 01.03.2005, 11:19 Uhr

Literarisches Buch

Xiaolong: Tod einer roten Heldin




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Von David Axmann

  • Privilegierte und "Prinzlinge"

Nun habe ich also zum ersten Mal einen chinesischen Kriminalroman gelesen. Das heißt, es ist ein Kriminalroman, der in China spielt ("Die Tote wurde am 11. Mai 1990 um 16.40 Uhr im Baili-Kanal gefunden, einem abgelegenen Kanal etwa 35 Kilometer westlich von Shanghai", so lautet der Eröffnungssatz); der Verfasser mit dem klingenden Namen Qiu Xiaolong wurde 1953 in Shanghai geboren, lebt aber schon seit 15 Jahren in den USA, sein Romandebüt ist denn auch unter dem Titel "Death of a Red Heroine" bei Soho Press in New York erschienen; in einer Schlussbemerkung dankt der Autor aufrichtig seiner Lektorin, die Laura Hruska heißt, was nicht sehr chinesisch klingt. Aber auf den 460 Seiten davor klingt, soweit ich das beurteilen kann, alles original shanghaiisch.


Auf jeden Fall erhält man in diesem Roman bunte und aufschlussreiche Einblicke in das chinesische Leben im Jahre 1990, also zu einer Zeit, als das Land sich im Umbruch befand. Der grauenvolle Maoismus war zwar schon überwunden, die alten Kader der Partei saßen jedoch immer noch an den Hebeln der Macht und wussten sie trefflich zu bedienen - was im Übrigen auch den Verlauf der Kriminalhandlung beeinflusst. Viel aufregender und spannender als die Lösung des Mordfalls (denn die Tote im Kanal ist umgebracht worden) war's für mich, mancherlei chinesischen Alltagserscheinungen zu begegnen. Dank Qiu Xiaolong weiß ich nun, dass es 1990 in Shanghai viele Taxis und für Privilegierte auch schon Handys gab, zudem wurden die ersten öffentlichen Telefonzellen aufgestellt, im Allgemeinen aber war es eine langwierige Prozedur, einen privaten Telefonanschluss zu bekommen. Ein Atomwissenschaftler verdiente weniger als ein Eierhändler, die Wohnungen waren winzig klein und bescheiden eingerichtet, doch konnte jeder froh sein, der überhaupt eine hatte. Viele Chinesen mussten ob der Wohnungsnot in Arbeiterheimen hausen. Dennoch war, meint der Autor, Shanghai "eine Stadt, in der es für Menschen aus allen Sphären des Lebens etwas Schönes zu entdecken gab". Zu den schönsten

Dingen des Lebens gehört bekanntlich das Essen. In der chinesischen Kunst (die darin wohl das Leben widerspiegelt) spielt es eine Hauptrolle. Auch in meinem ersten

chinesischen Kriminalroman wird fast pausenlos gegessen (und wenn gerade nicht gegessen wird, freut man sich wenigstens darauf, dass man's bald wieder tun wird). Der Leser wird Augenzeuge von kulinarischen Alltäglichkeiten wie Nudelgerichten, Süppchen oder gebratene Enten und feinschmeckerischen Sensationen wie "runde, rotweiße Krebse in kleinen Bambuseinsätzen" oder "Hundefleischeintopf, Dips mit Affenhirn, Gerichte mit Wildkatzen und Bambusratten".

Da Qiu Xiaolong, wenn er nicht gerade seinen ersten Roman schreibt, Gedichte verfasst, aus dem Englischen übersetzt und an der Washington Universität St. Louis chinesische Literatur und Sprache lehrt, nimmt es nicht Wunder, dass seine Romanhauptfigur, Oberinspektor Chen Chao, neben seiner Polizeiarbeit aus dem Englischen übersetzt und Gedichte verfasst. Überhaupt scheint in der gebildeten Mittelschicht Chinas die Dichtkunst in hohem Ansehen zu stehen. Fast so häufig wie gegessen wird aus dem Schatz der chinesischen Literatur zitiert. "Hilflos fallen die Blumen / Die Schwalben kehren zurück, sichtlich nicht fremd" heißt es etwa in einem lyrischen Meisterwerk, und in einem anderen: "Heute bestatte ich die Blüte, doch wer schafft morgen meinen Sarg hinaus?" Selbstverständlich wird den Lehren des Konfuzius gebührender Respekt gezollt, und der Erzähler geizt auch nicht mit ehrwürdigen Lebensregeln und Sprichwörtern.

Ach ja, die Kriminalgeschichte. Die Kanalleiche war zu Lebzeiten Guan Hongying, "Guan für 'die Türe schließen', Hong für die Farbe Rot, Ying für 'Heldin'", "eine nationale Berühmtheit", nämlich "eine kommunistische Modellarbeiterin". Ermordet wurde sie, wie der vorbildliche Polizist Chen schon bald herausfindet, von einem so genannten "Prinzling", also dem korrupten Sohn eines Parteibonzen. So reduziert sich das Krimi-Spannungspotenzial schon bald auf die Frage: Wird der Fall auf Weisung des Zentralkomitees vertuscht oder nicht? Da wir uns in einer Zeit des Umbruchs befinden, entscheidet die Parteiführung, den prinzlichen Mörder hinzurichten, allerdings aus staatsideologischer Räson: Der aus privaten Motiven begangene Mord wird als ein "Verbrechen unter westlich-bürgerlichem Einfluss" deklariert. Was wohl Konfuzius dazu gesagt hätte? Ich sage: Guan. Und schlage auch das Buch zu.

Qiu Xiaolong: Tod einer roten Heldin. Roman. Aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach. Zsolnay, Wien 2003, 461 Seiten.




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Dokument erstellt am 2003-04-04 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 11:19:00


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