• vom 20.09.2002, 00:00 Uhr

Bücher aktuell

Update: 01.03.2005, 11:19 Uhr

Literarisches Buch

Dirks: Vier Arten meinen Vater zu beerdigen




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Kristina Pfoser

  • Wie man sich von einem Toten trennt

Am Ende der Geschichte erhält die Ich-Erzählerin den Rat: "Es gibt vier Arten, sich von einem Toten zu trennen: Du musst ihn betrachten, du musst nachdenken über den Kreislauf von Leben und Tod, du musst ihn begraben, verbrennen, ins Meer kippen oder sonstwas, und - du musst auch seine Geschichte erzählen."


Seine Geschichte erzählen - das macht Liane Dirks nach dem Tod ihres Vaters. In ihrem Roman "Vier Arten meinen Vater zu beerdigen" erzählt sie die Geschichte von Günther Dirks, von seiner Geburt im Hamburg des Jahres 1922 bis zu seinem Tod in Barbados. Es ist eine Geschichte, die in einem Frisiersalon beginnt, im Salon von Luise und Johannes Dirks. Luise braucht Schönheit und Geld und Johannes trinkt und geht zu den Frauen - soviel wissen wir über seine Eltern. Günther wächst in der Obhut eines karibischen Kindermädchens auf, das er liebt, und immer wieder muss er zusehen, wie es von seinem Vater missbraucht wird.

Die Sympathie der Erzählerin gehört zunächst ganz dem sensiblen, zarten, heranwachsenden Buben, der - von der Mutter vernachlässigt und vom Vater gequält - weder die Begeisterung seines Bruders für Nazi-Jugend und Waffen teilt, noch den sexuellen Lockungen seines Freundes erliegt. Günther bekommt eine Lehrstelle als Page im Hamburger Nobelhotel "Vier Jahreszeiten", wechselt in die Küche und startet dort seine erfolgreiche Laufbahn als Koch. So weit so gut. Erzählt wird die Geschichte bis dahin ganz beiläufig. In kurzen Szenen lässt die Autorin das Zeitgefühl der 20er und 30er Jahre erstehen, in kleinen Anekdoten, die sich zwischendurch auch zu drastischen Szenen auswachsen können. So werden etwa Firma und Markenname genau mitgeteilt, als von den Kondomen die Rede ist, die Günther als Page im "Vier Jahreszeiten" den NS-Größen aufs Zimmer bringen muss, wo er Zeuge von ausschweifenden Sexspielen des NSDAP-Reichsorganisationsleiters Robert Ley wird.

Liane Dirks hat genau recherchiert und ihren Roman mit Namen, zeitgeschichtlichen Daten und Schauplätzen historisch exakt verortet. In der protokollarischen Sprache, im lapidaren Erzählton und in eingestreuten Dialogfetzen klingen nach und nach der Schrecken und das Grauen an, die sich hinter den biografischen Fakten verbergen. Das ist nicht nur ein abenteuerliches Leben, durch das Liane Dirks in rasantem Tempo galoppiert, atemlos von Schauplatz zu Schauplatz. Es ist eben auch - das Leben ihres Vaters. Doch erst in der Mitte des Buches, nach über 100 Seiten ist erstmals von "meinem Vater" die Rede. Günther ist da bereits erwachsen. Er verbringt den Zweiten Weltkrieg an der Ostfront in der Feldküche, lernt seine spätere Frau kennen, versucht seine frisch gegründete Familie mit einer Imbissbude und Hoteljobs über die Runden zu bringen, gequält von einer inneren Unruhe, die er bei Alkoholexzessen, bei Prostituierten und schließlich beim Missbrauch seiner Töchter loszuwerden versucht.

Auf seiner nächsten Station, in Barbados, der Heimat seines Kindermädchens, lernt er - als Chefkoch im weltberühmten "Marine" - "bis zum Äußersten zu gehen", wie es heißt. Da war auf der einen Seite die feine Gesellschaft, die Günther mit Hummer und Wachteln, Saucen und wunderbaren Küchenkreationen begeisterte, eine eigene Welt aus Hitze, Geruch, Geschmack und Farben, die Liane Dirks poetisch beschreibt. Und die andere Seite: "Um sich zu befriedigen, soff er quartalsmäßig und benutzte weiterhin seine Kinder".

Die weiteren Stationen dieser beklemmende Geschichte sind schnell erzählt: Rückkehr nach Deutschland, Kindesmissbrauch nicht nur in der eigenen Familie, Gefängnis, Alkohol, Scheidung, dann verliert sich die Spur des Günther Dirks. Irgendwann wird die Tochter benachrichtigt, dass ihr Vater auf Barbados im Sterben liegt. Dort erklärt ihr Emily, eine Nachfahrin von Günthers karibischem Kindermädchen, die vier Möglichkeiten, sich von einem Toten zu trennen . . . Entstanden ist auf diese Weise ein beeindruckender Roman von hoher atmosphärischer Dichte.

Liane Dirks: Vier Arten meinen Vater zu beerdigen. Roman. Kiepenheuer & Witsch 2002, 244 Seiten.




Schlagwörter

Literarisches Buch

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-09-20 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 11:19:00


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Verschwundene Straßennamen
  2. "Ich bin doch nur ein Depp"
  3. Der Ursprung der Wiederholung
Meistkommentiert
  1. Die ganze Grausamkeit des Holocaust
  2. Mord mit Stil
  3. Tödlicher Kakao

Werbung




Werbung