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Sachbuch

Fucik: Reportage unter dem Strang geschrieben




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Von Michael Schmölzer

  • Das "Wunder von Pankrac" -Was ist wahr und was Legende?
  • Bis zu seiner Exekution durch die Nazis im Jahr 1943 war der begeisterte Stalinist, Agitator und Redakteur Julius Fucik das, was man gemeinhin einen "kleinen Fisch" nennt. Fünf Jahre später konnte davon keine Rede mehr sein. Posthum wurde "der Redaktor" in den KP-Olymp gehoben und vor allem der tschechischen Jugend als das moralische Vorbild schlechthin präsentiert. Dazwischen liegt ein Ereignis, das unter der Bezeichnung "Wunder von Pankrac" jedem Tschechen zum Begriff wurde. Nach der "Samtenen Revolution" von 1989 stellt man sich allerdings die Frage: War besagtes "Wunder" nichts als fauler Zauber, der Rummel um den NS-Widerständler
  • Fucik ein riesiger KP-Betrug?

Die insgesamt 40 Lebensjahre des Julius Fucik verliefen eher unauffällig. Das schon aus dem Grund, da Fucik gezwungen war, einen beträchtlichen Teil seines Schaffens aus der Halb- und Illegalität heraus zu organisieren. 1903 in Smichov, einem Industrievorort von Prag als Neffe das bekannten, gleichnamigen Komponisten geboren, entdeckte Fucik schon früh den Kommunismus. Als Jungjournalist publizierte der glühende Stalin-Anhänger in verschiedenen Zeitungen eine ganze Reihe pro-sowjetischer Artikel, verfasste daneben Literatur- und Theaterkritiken. Zwei Jahre verbrachte er als Korrespondent der "Rude Pravo" in der UdSSR, zeigte sich begeistert von dem "Land, in dem das Morgen schon Geschichte ist". Das alles sehr zum Missfallen der "bourgeoisen", aber doch demokratisch gewählten tschechischen Regierung, die den Aufrührer Fucik bald auf die Fahndungslisten setzte.

Vollends in die Illegalität musste Fucik ab 1939, als die Nationalsozialisten in Prag einmarschierten. Fucik wählte als neue Identität die Figur des rauschebärtigen, leicht verwirrten "Professor Horak", rief in der illegal erscheinenden "Rude Pravo" zum Widerstand auf und organisierte Gleichgesinnte in einer "revolutionären Zelle". Durch Zufall flog eine konspirative Sitzung Fuciks im April 1942 auf, er und alle Anwesenden wurde verhaftet und in den berüchtigten Gestapo-Kotter im Prager Vorort Pankrac gebracht. Nach über einjähriger Haft in Zelle 267 wird Fucik schließlich nach Berlin überstellt, verurteilt und hingerichtet.


War es wirklich "die helfende Hand des Schicksals . . ."

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes trat die Ehefrau Fuciks, Gusta Fucikova, mit einer Sensation an die Öffentlichkeit: Fucik sei es mithilfe der Gefängniswärter Adolf Kolinsky und Jaroslav Hora gelungen, Aufzeichnungen zu machen und diese aus dem Pankracer Gestapo-Gefängnis zu schmuggeln. Fucikova sei es gelungen, sämtliche Kassiber aufzuspüren, unter dem Originaltitel "Reportaz psana na opratce", zu deutsch: "Reportage unter dem Strang geschrieben" erschien bald darauf die erste Buchausgabe. Es müsse "die helfende Hand des Schicksals gewesen sein, die ihm (Fucik, Anm.) in der Person eines tschechischen Gefängnisaufsehers Papier und Bleistift in die Zelle brachte", so der Klappentext der ersten Österreich-Ausgabe aus dem Jahr 1946.

Die "Reportage unter dem Strang geschrieben" ist unter dem Eindruck des nahenden Todes verfasst: Fucik berichtet von seiner Verhaftung, von den anschließenden Folterungen und endlosen Verhören durch die Gestapo, von der Todesverachtung, mit der er seinen Peinigern entgegentritt. Obwohl er bewusstlos geprügelt und allen nur erdenklichen physischen Qualen ausgesetzt wird, schweigt Fucik beharrlich, gibt den Deutschen keine Namen von Verbindungsleuten bekannt, erzählt nichts von Treffpunkten. Der gesamte Text ist von der Überzeugung durchdrungen, dass der Hitler-Faschismus im Kampf mit den Sowjetarmeen unterliegen muss. Bemerkenswert ist der letzte Satz in Fuciks "Reportage", geschrieben kurz vor seinem Abtransport nach Berlin-Plötzensee: "Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachsam!" Ein Spruch, der seither tausendfach zitiert, in unzählige Gedenktafeln eingraviert wurde.

Denn spätestens ab 1948, als die Kommunisten in der Tschechoslowakei die Macht übernahmen, wurde Fucik kraft seiner "Reportage" populär gemacht wie kaum kein anderer. Sein Werk erlebte über 300 Auflagen, wurde in 89 Sprachen, einschließlich seltene indische Dialekte, übersetzt. Unzähligen tschechischen Schulen, "Volkseigenen Betrieben", Teilen der kommunistischen tschechischen Staatsjugend wurde sein Name verpasst. In Südrussland wurde sogar ein Berggipfel nach dem Märtyrer benannt. Leben und Wirken Fuciks war fixer Bestandteil der tschechischen Lehrpläne, bis 1989 schmückte sein idealisiertes Haupt Briefmarken und Gedenksteine. Leben und Leiden Fuciks wurde während der 50er Jahre in zahlreichen Theateraufführungen nachempfunden. Es gab eigene "Julius-Fucik-Orden", die verdienten Kommunisten insgesamt 80.000 mal verliehen wurden. Der Dissident Pavel Kohout, in Wien und Prag lebender Schriftsteller und Dramatiker, in Jugendjahren Leiter eines "Julius Fucik Ensembles", bekam damals ebenfalls das sternförmige Metall an die Dichtersbrust geheftet. Er erinnert sich heute an die Umstände der Verleihung: "Man musste 12 Bücher kommunistischen Inhalts gelesen haben (darunter natürlich Fucik), darüber wurde man dann geprüft".

. . . geführt durch einen Propagandafunktionär der KP . . .?

Schon 1968, während des "Prager Frühlings", als der totale Machtanspruch der KP kurzfristig in Frage gestellt wurde, begann die sogenannte "kritische Generation" den Fucik-Mythos zu hinterfragen. Vollends ins Zwielicht geriet der Widerstandskämpfer nach der Wende von 1989: Plötzlich tauchte die Frage auf, ob die "Reportage unter dem Strang geschrieben" authentisch, oder vielleicht ein monströser Betrug der tschechischen KP sei:

- Da sind zunächst einmal die Umstände, unter denen Fuciks "Reportaz" entstand: Das, was von Fuciks Ehefrau Gustava und der KP-Spitze als "Wunder von Pankrac" hingestellt wurde, könnte vielleicht gar keines gewesen sein. Denn es erschien Kennern der Umstände extrem unwahrscheinlich, dass ein Häftling unter den rigiden Bedingungen, die im berüchtigten Gestapo-Gefängnis herrschten, ein derart umfassendes Werk hatte schreiben können. Im Jahre 1977 meldete sich Fuciks ehemaliger Mithäftling, Vaclav Cerny, aus Toronto mit der Behauptung, Fucik habe seine "Reportage" als privilegierter Häftling mit dem Wissen der Gestapo verfasst.

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Dokument erstellt am 2002-10-07 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 10:28:00


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