• vom 04.09.2002, 00:00 Uhr

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Update: 01.03.2005, 11:19 Uhr

Literarisches Buch

Schramm: Die Traumspur




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  • Die Personen sind nach dem richtigen Leben gezeichnet. Wer sich erkennt, ist gemeint."" - Ungefähr so hat, glaube ich, Reinhard Federmann in ""Herr Felix Austria"" seine ""Abstandserklärung"" formuliert. Ingrid Schramm ist nicht ganz so wagemutig. Obwohl für ihren Roman ""Die Traumspur"" gleiches gilt: Wer sich erkennt - bzw. erkannt wird - , ist aller Voraussicht nach ebenfalls gemeint. Denn dass es sich um einen Schlüsselroman handelt, liegt schon bald nach der Lektüre der ersten Seiten auf der Hand.

Ingrid Schramm ist promovierte Theaterwissenschaftlerin, hat Bücher über Hilde Spiel und György Sebestyen geschrieben und arbeitet in der Nationalbibliothek. Wer aufgrund dessen allerdings eine trockene Angelegenheit erwartet, wird eines Besseren belehrt. Ingrid Schramm hat einen Roman geschrieben, der nicht nur unterhalten will, sondern es auch tut.

Worum es geht? - Eigentlich ist es eine Liebesgeschichte, auch die Geschichte einer Besessenheit eines Menschen von einem anderen. Dass ein wenig Esoterik in die Sache hineinspielt, hat der Autorin ein begeistertes Vorwort von Lotte Ingrisch eingebracht. Dennoch bleibt der Roman insgesamt von den Räucherstäbchen-Dünsten weitgehend frei. Was die ""Traumspur"" so prickelnd amüsant macht, ist natürlich das Raten, wer denn wer sein könnte. Genau das aber ist der einzige (kleine) Fehler des Romans. Ingrid Schramm hat sich nämlich an den klugen Satz gehalten, zu schildern, was man selbst am besten kennt. Nur handelt es sich dabei eben um ein Milieu, dessen ""Bevölkerung"" weitgehend bloß Insidern von Musik- und Theaterwissenschaft genug vertraut sein dürfte, um beim Ratespiel bei Laune zu halten.


Der Opern-Conferencier Böhmer ist natürlich Marcel Prawy, wer denn sonst, das ist eindeutig, und Prawy ist auch bekannt genug, um ""entlarvt"" zu werden. Bei Mike Amber hätte ich jemand ganz konkreten vermutet, aber da spielt uns die Autorin einen Streich: Der Kerl ist eine Erfindung. Und zwar eine so gute, dass er in das Figuren-Repertoire nach ""lebenden Vorbildern"" glänzend hineinpasst. Der Dirigent David Burghauser ist dafür nach einem lebenden Vorbild entworfen, bei dem Staatsopern-Kenner wahrscheinlich zu Recht auf Roberto Paternostro tippen. Bernhard Kraus und Erik Cerny wiederum kommen dem Verfasser dieser Kritik so bekannt vor, als würde er sich in einen Spiegel schauen . . .

Das Positive an der ""Traumspur"" ist indessen, dass man diese Personen weder erkennen noch kennen muss, um den Roman gerne zu lesen. Stilistisch speziell an den Engländern orientiert, also sauber und ohne verkrampfte Metaphorik auskommend, exerziert Ingrid Schramm hier etwas vor, was man im Allgemeinen nicht für möglich hält: Dass es auch in deutscher Sprache niveauvolle Unterhaltungsliteratur geben kann.

Ingrid Schramm: Die Traumspur, Edition Va Bene, Wien 2002, 280 Seiten




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Dokument erstellt am 2002-09-04 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 11:19:00


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