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Update: 01.03.2005, 10:29 Uhr

Sachbuch

Leser: Spezialdemokratie Österreich




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Von Robert Schediwy

  • Analysen der Sozialdemokratie

Norbert Leser ist ins siebzigste Jahr eingetreten, also in ein Alter, in dem man schon gerne Rückschau hält. Es ist etwas stiller um den bekannten Politologen und Sozialphilosophen geworden, aber er kann durchaus darauf verweisen, dass etliche seiner frühen und "unbequemen" Aussagen ihre Bestätigung gefunden haben.


Das vorliegende Büchlein besteht aus vier Kapiteln: zwei davon (sie stammen aus den Jahren 1979 und 1981) befassen sich mit dem Phänomen des Austromarxismus. Der Einleitungsaufsatz über das "Österreich der Ersten und Zweiten Republik" datiert aus 1986. Hier hat der Autor den alten Text stehen gelassen und nur in einer Art Nachschrift der Verlockung nachgegeben, zu vermerken, dass und wie er sich rückblickend gerechtfertigt sieht. Der vierte Abschnitt befasst sich mit der "Transformation der österreichischen Sozialdemokratie".

Lesers Grundauffassungen können im Wesentlichen als bekannt vorausgesetzt werden: er vertritt bezüglich des Unterganges der Ersten Republik die These von der "geteilten Schuld" und betont den Irrweg der Otto Bauer'schen Politik der "radikalen Phrase". (Die Ablehnung des Seipel'schen Koalitionsangebots durch Bauer im Jahr 1931 wird im vorliegenden Band sogar zweimal gleichsam empört im Wortlaut zitiert.) Leser zeigt sich kritisch gegenüber den "oligarchischen" Tendenzen innnerhalb der Sozialdemokratie und bekennt sich als Anhänger Karl Renners und des Persönlichkeitswahlrechts. Aus seiner katholisch geprägten Grundhaltung heraus zeigt er sich unter anderem sehr kritisch gegenüber der "Schwertreligion" des Islam. Den Aufstieg der FPÖ führt Leser nicht zuletzt auf das Versagen der SPÖ gegenüber zentralen Anliegen ihrer Kernschichten zurück.

Seinen "Helden" (etwa Karl Renner) gegenüber zeigt sich Leser dabei eher unkritisch, seinen "Bêtes noires" (oder besser rouges) gegenüber unversöhnlich. All das kann man auch hier wieder wortgewaltig formuliert nachlesen - wobei allerdings deutlich wird, dass sich Leser stilistisch ein wenig "freigeschrieben" hat: in den älteren Aufsätzen fallen etwa häufig bombastische Doppelprädikate vom Typ "ins Auge zu fassen und charakterisieren", "zu ermöglichen, ja nahezulegen" auf. Über Renner heißt es sogar im Weiheton, ihm sei es "beschieden und auferlegt" gewesen, zweimal den neuen Staat aus den Trümmern aufzubauen. Der jüngste Teil formuliert da etwas leichter, journalistischer. Auch hier wagt Leser übrigens im Sinne Poppers falsifizierbare Aussagen. Die Äußerung, "bei einer so explosiven Persönlichkeit wie Jörg Haider" seien "dramatische und/oder abrupte Entwicklungen wahrscheinlicher als das friedliche Hineingleiten in die Früh- oder Spätpension" ist ein Beispielsfall.

Grundsätzlich ist und bleibt Norbert Leser ein Vertreter der "extremen Mitte", der stets eine Art "staatsmännisches" Juste Milieu zu wahren weiß. Etwas irritierend wirkt freilich der - wohl vom Verlag zu verantwortende - Titel des Buches. Er mutet wie ein Druckfehler an. Lesers Überlegungen kreisen nämlich, im Positiven wie im Kritischen, statt um die Spezial- stets um die Sozialdemokratie. Von einer vertieften Analyse des christlich-konservativen Lagers kann etwa kaum die Rede sein.
Norbert Leser: Spezialdemokratie Österreich. Amalthea Verlag, Wien 2002, 176 Seiten.




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Dokument erstellt am 2002-05-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 10:29:00


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