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Update: 01.03.2005, 11:21 Uhr

Literarisches Buch

Haslinger: Das Vaterspiel




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Von Uwe Schütte

  • Josef Haslingers neuer Roman kommt an den "Opernball" nicht heran

Vielleicht ist es keine allzu gute Idee, im Klappentext bereits die Handlung der ersten 450 Seiten eines Romans zu verraten; zumal dann, wenn er insgesamt 570 Seiten lang ist. Doch Josef Haslinger und sein Verlag werden sich schon etwas dabei gedacht haben. Zumindest ist es ein Signal an den Leser, nicht auf den Plot, sondern auf unterliegende Bedeutungsebenen zu achten. Denn gerade das Vorhandensein von Mehrschichtigkeit unterscheidet die anspruchsvolle Hochliteratur von der populären Unterhaltungsliteratur. Dass aber eine wertende Differenzierung zwischen E und U, Kunst und Kitsch im Zeitalter der Postmoderne überholt, ja geradezu reaktionär ist, argumentierte Josef Haslinger in seinem 1997 erschienenen Essay "Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm". Er antwortete damit den Kritikern des 1995er-Bestsellers "Opernball", welche behaupteten, dass ein fesselnder Politthriller nicht zugleich große Literatur sein könne.


Überzeugender noch als Haslingers Essay demonstrierte eine Lektüre von "Opernball", wie überflüssig diese ganzen Debatten um Kunst versus Kommerz sind. Letztendlich gibt es nur zwei Arten von Büchern: gute und schlechte. Und "Opernball" war eindeutig ein gutes Buch.

Wie steht es also um den mit Spannung erwarteten Nachfolger? "Das Vaterspiel" schildert die Geschichte Rupert Kramers, Enkel eines Dachau-Häftlings und Sohn eines SPÖ-Ministers, der auf Bitten einer Bekannten nach New York fliegt, um ihrem in nationalsozialistische Judenmorde verwickelten Großonkel beim Ausbau seines Verstecks zu helfen. Dort eingetroffen, kommt es zu einer unheimlichen Begegnung mit dem Untergetauchten und, auf den letzten 50 Romanseiten, zu überraschenden Wendungen und sogar einem Toten.

So weit, so voraussehbar dank Klappentext. Was sind aber die tieferen Dimensionen des Romans, wenn es offensichtlich nicht bloß um die Handlung geht? In den Feuilletons wurde ein großes Aufheben darüber gemacht, dass das Buch, indem es den inneren Verfall der österreichischen Sozialdemokratie anhand der Familiengeschichte Kramers aufzeigt, das Ende der SPÖ-Ära vorhergesagt habe. Nun, Haslinger hat mit der Arbeit an seinem Roman unzweifelhaft lange vor dem Machtantritt der schwarz-blauen Regierung begonnen. Doch aus den Schilderungen der Vater-Sohn-Spannungen und der Eheprobleme des Ministers jetzt einen hellseherischen Akt literarischer Prophetie zu machen, geht doch ein wenig zu weit.

Neben der politischen Ebene ist "Das Vaterspiel" ein Roman über die neuen Medien, die unsere Kultur immer weiter kolonialisieren. Kramer ist ein Computerfreak, der Radio bevorzugt am Internet hört und nächtelang über einem Computerspiel brütet, das ihm erlaubt, seinen verhassten Vater auf virtuelle Weise umzubringen. Dieses titelgebende Spiel ist zwar in mehrfacher Hinsicht zentral für den Roman, wir erfahren allerdings kaum etwas über die technische Seite: Welche Software etwa zur Bildmanipulation eingesetzt wird oder in welcher Programmiersprache Kramer sein Spiel geschrieben hat. Vielleicht wollte Haslinger die Leser nicht langweilen; vielleicht ist er auch selber kein Computerexperte. Wie auch immer, die Prob-lematik von gewalttätigen Computergames hätte er auf jeden Fall eingehender thematisieren müssen.

Anstatt die Medienmythen von der aggressionsfördernden Wirkung solcher Spiele als das zu entlarven, was sie sind - nämlich der Versuch, einen Sündenbock für die aus sozialer Ungerechtigkeit und anderen gesellschaftlichen Ursachen resultierende Gewalt zu finden - bestätigt Haslinger sie vielmehr, indem er Kramer als absonderlichen, leicht gestörten Versager ohne moralische Prinzipien darstellt.

Aber man muss gerecht sein. Trotz aller Kritikpunkte hat Josef Haslinger wieder einen lesenswerten Roman geschrieben. Er führt vor, wie die Naziverbrechen eine unheimliche, bis in die Enkelgeneration reichende Präsenz besitzen. Im Buch wird die Geschichte des 20. Jahrhunderts als ein zwischen Tragödie und Absurdität oszillierendes Trauerspiel entblößt. Der Grund, warum "Das Vaterspiel" im Vergleich mit "Opernball" schlechter abschneidet, ist im Gelingen des vorhergehenden Romans zu suchen. Die Latte lag einfach zu hoch.
Haslinger, Josef: Das Vaterspiel. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2000, 573 Seiten.




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Literarisches Buch

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2000-09-01 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 11:21:00

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