• vom 04.09.1998, 00:00 Uhr

Bücher aktuell

Update: 01.03.2005, 11:23 Uhr

Literarisches Buch

Salter: Ein Spiel und ein Zeitvertreib




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Irene Prugger

  • Helden - so sterblich wie wir selbst

Der junge Amerikaner Phillip Dean, gutaussehend, intelligent, gebildet und noch dazu Sohn eines reichen Vaters, hat nicht im Sinn, sein Leben bürgerlichen Maßstäben anzugleichen. Ohne


Arbeit und ohne rechtes Ziel verbringt er einige Zeit in Europa. In Paris lernt er einen jungen Fotografen kennen, mit dem er ein paar Monate im Haus von gemeinsamen Bekannten in der stillen

französischen Provinzstadt Autun lebt. Phillips dort entflammende leidenschaftliche Liebe zu einer jungen Französin bildet vordergründig den Stoff dieses Romans, im wesentlichen handelt es sich aber

um eine Geschichte des jungen Fotografen, der als Erzähler diese "amour fou" beobachtet, Indizien sammelt, sie interpretiert und die verborgen bleibenden Zusammenhänge mit einer tiefen Kenntnis um

die menschliche Seele ausfantasiert.

Die stets gegebene Unschärferelation im Verhältnis zwischen Beobachter und Beobachtetem verstärkt der Erzähler noch durch die Verdeutlichung eigener Intentionen: "Ich berichte nicht die Wahrheit

über Dean, ich erfinde ihn. Ich erschaffe ihn aus meinen eigenen Unzulänglichkeiten, das dürfen Sie nie vergessen." Und so erschafft sich der Erzähler in Phillip Dean und dessen Partnerin Anne-

Marie ein Liebespaar, das im freizügig ausgelebten sexuellen Akt eine Form von exzessiver als auch poetischer Lebensfülle erreicht, von dem der Freund · seinerseits in einer schwärmerischen, aber

aussichtslosen Verliebtheit gefangen · nur zu träumen vermag.

Trotz einer Offenheit, die aus erotischen Details kein Geheimnis macht, gelingt es James Salter aufgrund seiner transparent verwobenen Sprache, Anzüglichkeiten und Peinlichkeiten zu vermeiden und die

menschliche Tragödie der Unhaltbarkeit des Glücks deutlich zu machen. Wie auch in seinem im Vorjahr ebenfalls im Berlin-Verlag auf Deutsch herausgegebenen Roman "Lichtjahre" durchsetzt James Salter

in seinem fast zehn Jahre früher abgefaßten Roman "Ein Spiel und ein Zeitvertreib" die Beschreibung der scheinbar absoluten Harmonie seiner Protagonisten mit dem Wissen um die begrenzte Zeitdauer

derart intensiver Lebens- und Liebeslust. Bei Dean und Anne-Marie sind es augenscheinlich äußere Umstände, die der Beziehung vorerst ein Ende setzen: Dean geht das Geld aus, er muß zurück nach

Amerika und verspricht, Anne-Marie nachkommen zu lassen, sobald die Bedingungen dazu geschaffen sind. Hier nun ist das Paar, insbesondere aber der Erzähler, an jene Abzweigung gekommen, wo diese

Liebe entweder in eine bürgerliche Beziehung münden oder enden muß. Da der mit etlichen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnete James Salter in diesem Roman meisterhaft mit dem Klischee des

jungen, sensiblen, aber dennoch unbeugsamen Helden spielt, muß die Geschichte einen tragischen Endpunkt finden.

Phillip Dean wird durch einen Unfall aus dem Dilemma bugsiert, seine Beziehung zu Anne-Marie trotz Standesunterschiedes und intellektueller Unvereinbarkeiten aufrechtzuerhalten oder sie von sich aus

zu beenden · und in jedem Fall zum Verräter seiner eigenen Ideale zu werden, aber auch die Ideale all jener zu verraten, die sich zumindest nicht in ihren Fantasien aufs Mittelmaß einschwören wollen:

"Man braucht Helden, und das heißt, daß man sie sich schaffen muß. Und sie werden durch unseren Neid, unsere Treue real. Wir sind es, die ihnen ihre Majestät geben, ihre Macht, die wir selbst nie

besitzen könnten. Und sie wiederum geben uns etwas davon zurück. Aber sie sind sterblich, diese Helden, genau wie wir es sind. Sie halten nicht für immer. Sie verblassen. Sie verschwinden. Sie werden

zurückgelassen, vergessen · man hört nichts mehr von ihnen."
James Salter: Ein Spiel und ein Zeitvertreib. Roman. Berlin-Verlag, 1998. Aus dem Amerikanischen von Beatrice Howeg.




Schlagwörter

Literarisches Buch

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-09-04 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 11:23:00

Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Verschwundene Straßennamen
  2. "Ich bin doch nur ein Depp"
  3. Der Ursprung der Wiederholung
Meistkommentiert
  1. Die ganze Grausamkeit des Holocaust
  2. Mord mit Stil
  3. Tödlicher Kakao

Werbung




Werbung