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Update: 28.11.2011, 15:18 Uhr

Gegengift

Hörhan, Gerald: Publikumsbeschimpfung




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Von Christian Ortner

  • Gerald Hörhan wirft der jungen Generation vor: "Ihr kriecht den Alten in den Arsch"

"Occupy Wall Street": für Hörhan Bettelei, nicht Widerstand.

"Occupy Wall Street": für Hörhan Bettelei, nicht Widerstand.© EPA "Occupy Wall Street": für Hörhan Bettelei, nicht Widerstand.© EPA

Wer 20 Euro für "Gegengift", das neueste Buch des Wiener Investmentbankers und Autors Gerald Hörhan ausgegeben hat, darf gleich im ersten Satz des schlanken Bandes den Dank des Autors an den Käufer in Hörhans charakteristischem Stil entgegennehmen: "Ihr seid Arschkriecher." Oh, danke, dafür zahlt man gerne.

Information

Sachbuch
Gegengift
Gerald Hörhan
Edition A, 192 Seiten, 19,95 Euro


Hörhan, der es als selbsternannter "Investmentpunk" mit seinem gleichnamigen ersten Buch zu gewisser Bekanntheit gebracht hat, beweist auch mit dem Nachfolgetext, dass übermäßige Höflichkeit nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört. Es wäre, vor allem für jüngere Leser, an die sich der Text ausdrücklich richtet, trotzdem ein grober Fehler, sich von dem etwas albern vor sich hinrotzenden Tonfall des Buches ("Ich scheiße auf Krawatten") von dessen Lektüre abhalten zu lassen. Denn Hörhan löst ein, was er den Jungen im Untertitel verspricht: "Wie euch die Zukunft gestohlen wird (und) was ihr dagegen tun könnt".

Seine zentrale These: Europas - und vor allem Österreichs - politische Klasse ist dabei, die eigene Jugend zugunsten der Alten auszuplündern und damit die Grundlage für ihren langfristigen sozialen Abstieg zu legen. Doch diese Jugend, diagnostiziert Hörhan, begreift gar nicht, wie ihr da geschieht, weil sie von wirtschaftlichen Zusammenhängen null Ahnung hat, und ist daher nicht imstande, dagegen irgendetwas zu unternehmen.

"Ihr (Jungen) wehrt euch nicht", höhnt Hörhan. "Ihr seid der für das System äußerst bequeme und ziemlich dekadente historische Sonderfall einer jungen Generation, die den Alten lieber in den Arsch kriecht, als zu revoltieren. Ihr habt euch angepasst. Statt Konfrontation, Konflikt, Dynamik, und damit Entwicklung zu bringen, verhaltet ihr euch passiv und abwartend. Ihr bringt nichts in Gang. Ihr denkt nicht quer. Ihr seid keine Punks und nicht einmal Hippies. Ihr seid Schafe. Ihr seht alle gleich aus, habt den gleichen Lebenslauf und bewerbt euch um die gleichen Jobs. Die Personalchefs müssen dann nur noch herausfinden, wer von euch am lautesten blökt ..."

Das ist nicht wirklich nett, aber deswegen trotzdem nicht falsch, wer beruflich mit den jüngeren Generationen zu tun hat, weiß das aus eigener Erfahrung. Während Pensionisten, Beamte oder Bauern ihre Interessen höchst effizient durchsetzen - und zwar in der Regel auf Kosten der Jungen, denen immer höhere staatliche Schuldenberge aufgehalst werden -, wirken diese Jungen merkwürdig apathisch. "Eure Eltern sichern ihre Pfründe noch ab. Sie holen aus dem System noch heraus, bevor sie in Frührente gehen. Für Euch wird nichts mehr da sein. (...) Europa entwickelt sich mit seinen jetzigen Strukturen zu einem Albtraum, dessen Kosten ihr zu tragen haben werdet."

Die rund um "Occupy Wall Street" entstandenen verschiedenen Protestbewegungen der Jungen findet Hörhan eher herzig als nützlich: "Widerstand ist das nicht, eher Bettelei. Bitte, lieber Sozialstaat, vergiss uns nicht ..."

Sein nachvollziehbarer Schluss daraus: Es ist ein Mangel an politisch organisierter Macht, der die Jugend zum prädestinierten Opfer der Politik macht. Sein Therapievorschlag: "Plan A bestand im Prinzip daraus, den Alten zu gefallen, die über politische Macht verfügen, und mit der Krawatte um den Hals artig ihr System zu bedienen. Plan B besteht darin, eigene wirtschaftliche Macht aufzubauen. Wer wirtschaftliche Macht hat, genießt auch politischen Einfluss (...) Wirtschaftliche Macht baut ihr auf, indem ihr Know-how sammelt, eine Idee entwickelt und euer eigenes Ding macht. Wenn es viele von euch tun, ist es die wahre Bewegung."

Glaubwürdige Ratschläge
Wie man als Unternehmer "sein eigenes Ding macht", erläutert Hörhan sehr anschaulich, leicht verständlich und mit hohem Nutzwert vor allem für den eher wirtschaftsunkundigen Leser. Dass er selbst eine Reihe von Unternehmen gegründet hat, macht seine Ratschläge plausibel und glaubwürdig. "Letztlich", verspricht er denen, die danach handeln, ganz am Ende seines Textes, "werdet ihr dabei auch all das finden, was ihr jetzt vergeblich beim Chilllen, Shoppen und Entertainment sucht: Abenteuer, Selbstverwirklichung und Freude am Leben." Man mag ihm da, auch wenn man seinen nassforschen Stil nicht goutiert, nicht im Geringsten widersprechen.




Schlagwörter

Gegengift, Hörhan, Sachbuch

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-11-28 15:05:07
Letzte Änderung am 2011-11-28 15:18:03


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