• vom 09.12.2011, 14:37 Uhr

Bücher aktuell

Update: 09.12.2011, 15:23 Uhr

Literatur

Machfus, Nagib: Das junge Kairo




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Stefan Weidner

  • Zum 100. Geburtstag des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Machfus (am 11. Dezember) wird dessen früher Roman "Das junge Kairo" erstmals auf Deutsch veröffentlicht.

Nagib Machfus (1911-2006)

Nagib Machfus (1911-2006)© Corbis. All Rights Reserved. Nagib Machfus (1911-2006)© Corbis. All Rights Reserved.

Mehr als ein Dutzend Bücher des vor hundert Jahren geborenen ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Machfus hat der Zürcher Unionsverlag mittlerweile vorgelegt; das neuste, mit dem Titel "Das junge Kairo", im Original bereits 1945 publiziert, erscheint zwar spät, aber doch genau zum richtigen Zeitpunkt. Man staunt über die Souveränität, mit der dieser Erzähler, bei Abfassung des Buches um die dreißig Jahre alt, die moralische Verfassung seines Landes schildert und die Koordinaten der kommenden Krisen vor dem Leser der Zukunft ausbreitet, ohne sich zu einer Wertung hinreißen zu lassen. Und so sehr man hofft, dass der arabische Frühling die von Machfus geschilderte Welt endgültig der Vergangenheit überantwortet, nimmt man doch mit Erschrecken die lange Kontinuität des Elends und der Korruption am Nil wahr.

"Ein Journalist muss zuhören, nicht selbst reden, besonders in der heutigen Zeit", legt Machfus sein Credo einem der vier Freunde in den Mund, die am Beginn des Romans ein Schicksal teilen, aber nach Studienende in nicht mehr zu vereinbarende Lebensentwürfe auseinanderdriften, bis sie schließlich nur noch "Freundfeinde" sind. Der eine ist Sozialist und glaubt an die Gesellschaft. Der andere ist beseelt von einem emphatischen, allmählich auch in den politischen Raum ausgreifenden Gottesglauben: "Tatsächlich sehe ich das Gute als Essenz der Seele, während ihr es im Zusammenhang mit einem Stück Brot seht, und wenn das Brot sauber verteilt wird, gibt es kein Böses mehr".

Information

Nagib Machfus: Das junge Kairo. Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Unionsverlag, Zürich 2011, 254 Seiten, 19,90 Euro.


Die eigentliche Hauptperson des Buches ist aber Machgub, derjenige der Freunde, der an gar nichts mehr glaubt. Als sein Vater nach einem Schlaganfall arbeitsunfähig wird, nötigt ihn die Armut dazu, seine Philosophie eines moralfreien Liberalismus in die Tat umzusetzen. Aber die undurchdringlichen sozialen Strukturen, bei denen es nur auf Beziehungen ankommt, lassen ihm trotz seiner Rücksichtslosigkeit keine Chance. Bis ein flüchtiger Bekannter ihm einen teuflischen Pakt vorschlägt, der ihm die Beamtenlaufbahn ermöglicht: Er soll die Geliebte seines Chefs heiraten - und diesem einmal in der Woche seine Frau überlassen.

Der Plot wirkt konstruiert, liest sich aber vor dem Hintergrund der verfahrenen Lage Ägyptens glaubwürdig. Der Roman spielt in den dreißiger Jahren, einmal wird Hitlers Machtergreifung, öfters auch die Abhängigkeit der ägyptischen Regierung vom britischen Hochkommissar erwähnt. "Das junge Kairo" ist dasjenige Werk, mit dem nach den historischen Romanen die realistische Phase in Machfus’ Schreiben begann.

Der spätere Nobelpreisträger eröffnet die Reihe seiner Hauptwerke mit einem schlackenlos erzählten, eher kurzen Roman, der sich in der Übersetzung von Hartmut Fähndrich ebenso gut liest wie die früheren, von Doris Kilias übersetzten Bücher. Nur der Titel des Buchs wäre, wie es im Original steht, mit "Das neue Kairo" treffender wiedergegeben gewesen; denn der Roman spielt gerade nicht im kleinbürgerlichen Milieu der Altstadt, sondern in den europäisch geprägten Vierteln und unter den neuen, westlich geprägten Eliten jener Zeit.

Wäre dieser Text zur Zeit seiner Publikation, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, ins Deutsche übersetzt worden, hätte er moderner gewirkt als fast alles, was im Umfeld der "Gruppe 47" in jenen Jahren publiziert wurde. Präzise Milieuschilderungen wechseln mit den Gesprächen der Freunde oder den Reflexionen Machgubs ab, der trotz seines zur Schau gestellten Zynismus’ immer wieder mit seiner Situation hadert. Machfus hatte, auf welchen Umwegen auch immer, Nietzsche gründlich gelesen. Aber auch de Sade, dessen Bösewichte den entfesselten Egoismus auf ähnlich penetrante Weise predigen wie Machgub - mit dem Unterschied, dass sie es aus einer Machtposition heraus tun.

Der ungleiche Deal hingegen, auf den sich Machgub einlässt, garantiert nicht nur eine spannende Lektüre, er demonstriert schließlich auch die Untauglichkeit dieser angewandten Philosophie des Willens zur Macht. Vom moralisch entfesselten Liberalismus wird immer nur der profitieren, der ohnehin schon zu den Gewinnern zählt - eine Lehre auch noch für unsere Zeit.




Schlagwörter

Literatur, Bücher, Extra, Rezemsion

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-12-09 14:41:05
Letzte Änderung am 2011-12-09 15:23:35


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Zwei Sorten von Schinken
  2. platz satz
  3. KZ-Arzt Mengele: "Fürst der Finsternis"
Meistkommentiert
  1. Moraliteratur
  2. Hommage an Helmut Qualtinger

Werbung




Werbung