• vom 30.12.2011, 14:51 Uhr

Bücher aktuell

Update: 30.12.2011, 14:59 Uhr

Rezension

Eugenides, Jeffrey: Die Liebeshandlung




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Wassilios Nikitakis

  • Die Quadratur mehrerer Kreise

Großer Erzähler, aber kein Sprachkünstler: Jeffrey Eugenides. - © Foto: dpa

Großer Erzähler, aber kein Sprachkünstler: Jeffrey Eugenides. © Foto: dpa

Lesen Sie zunächst einmal all die Kritiken. So könnte man in Anlehnung an den ersten Satz aus "Die Liebeshandlung" beginnen ("Zunächst mal, schauen Sie sich all die Bücher an.").


In Jeffrey Eugenides neuem Roman sind es die Bücher der jungen Madelaine, die der Leser beachten soll. Sie studiert an einem kleinen, feinen College der amerikanischen Ostküste und hat sich ganz den viktorianischen Liebesromanen, etwa von Jane Austen oder den Brontë-Schwestern, verschrieben. Außerdem wird sie von zwei jungen Kommilitonen begehrt, die beide auf sehr unterschiedliche Weise brillant und unglücklich sind. Es entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte der großen Gefühle mit all ihren emotionalen und sozialen Hindernissen, eine Erzählung von Leidenschaft und Verzicht, deren Motor die Frage nach der richtigen, alles entscheidenden Liebe im Leben ist - also eine moderne Version des viktorianischen Liebesromans.

Der 51-jährige Amerikaner Jeffrey Eugenides zählt zu den bedeutenden Schriftstellern seiner Generation - und sein neuer Roman wurde mit Spannung erwartet. Neun Jahre hat er seit seinem letzten, Pulitzer-preisgekrönten und international erfolgreichen Roman "Middlesex" verstreichen lassen, bis heuer der neue erschien. Nach Jonathan Franzens Zeitepos "Freiheit" und David Foster Wallaces Suizid stellte sich die literarisch interessierte Öffentlichkeit die Frage, wie es mit dem Dritten im Bunde der hochtalentierten "jüngeren" Schreiber Amerikas weiter geht, und ob er den Erwartungen gerecht werden kann.

Information

Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung. Roman. Übersetzt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011, 624 Seiten, 24,95 Euro.

Das Urteil der Fachpresse ist gemischt, und das scheint nach der Lektüre des Buches verständlich. Nicht unbedingt von der Figurenkonstellation her, denn da erzählt Eugenides die Geschichte zweier intelligenter junger Männer, die sich anders fühlen als der Durchschnitt - und die dieses Bewusstsein, anders zu sein, auch brauchen. Mitchell, der Religionswissenschafter, sucht (wie einst auch Eugenides) in Spielarten der Mystik seinen Weg, der ihn bis in eine Pflegestation Mutter Teresas in Kalkutta führt. Mitchell begehrt Madelaine, die so perfekt weiß, angelsächsisch und protestantisch ist, wie es der amerikanische Mainstream gerne wäre. Und die andererseits in unglücklich verzehrender Liebe zu Leonard entbrannt ist, einem Genie, das in Mikrobiologie genauso brilliert wie in Sprachtheorie. Soweit die eher konventionelle Handlungsseite.

In formaler Hinsicht hat es sich Eugenides jedoch nicht leicht gemacht, und er versucht eine mehrfache Quadratur der Kreise: So hat er mit klassischem Gestus, einem allwissenden Erzähler und doch im expliziten Wissen um die Schwierigkeit, eine heutige Liebesgeschichte mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts zu verfassen, einen Roman schreiben wollen, der seine Figuren nicht ironisiert, sondern ernst nimmt. Einen Roman, der die intellektuelle Mode der 80er Jahre, den Dekonstruktivismus, also die Erzählung vom Ende aller großen Erzählungen, thematisiert, und der gleichzeitig einen seiner Protagonisten auf religiöse Sinnsuche schickt. Einen Roman, der darüber hinaus gekonnt und fast filmisch mit zeitlichen Rückblenden und Vorgriffen arbeitet, und doch vor allem eines will: seinen Figuren nahe sein.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-12-30 14:56:08
Letzte Änderung am 2011-12-30 14:59:55



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Verloren in Maria Ellend
  2. Talking 'bout my generation
  3. Ein Katzenheld
Meistkommentiert
  1. "Meine Sichtweise ist für viele eine Provokation"
  2. Die Frau, die ihrer Zeit voraus war
  3. Wo Freiheit endet

Werbung




Werbung


Werbung