• vom 20.04.2012, 15:16 Uhr

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Update: 20.04.2012, 15:31 Uhr

Rezension

Vertlib, Vladimir: Schimons Schweigen




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Von David Axmann

  • Vladimir Vertlib reflektiert in "Schimons Schweigen" sein eigenes Judesein und das Judentum an sich. Der gebürtige Russe landete nach einer Emigranten-Odyssee in Österreich.

Vladimir Vertlib.

Vladimir Vertlib.© Foto: Marko Lipuš Vladimir Vertlib.© Foto: Marko Lipuš

In seinem neuen Roman macht Vladimir Vertlib, was seit biblischen Zeiten fast alle Juden machen: sich Gedanken über das Land der Väter. Wie beschaffen solche Gedanken sind, hängt davon ab, wie man sein eigenes Judesein und das Judentum an sich versteht.


Vertlib exemplifiziert das an seinem Romanpersonal, und zwar auf die ihm eigene, sozusagen auf den Leib geschnittene, autobiographisch gefärbte Erzählart. Vertlibs Romane sind stabil, solid, übersichtlich gebaut, ornament- und schnörkellos, vertrauen auf Prägnanz und Präzision und leisten sich nur selten zarte stilistische Extravaganzen, wie hier etwa ein in die Festesschilderung leitmotivisch eingefügtes Pessachlied.

Auch wenn Vertlib ernste Themen behandelt (und das tut er eigentlich immer), nimmt er eine skeptisch-distanzierte Position ein, von der aus er die Handlung nicht ohne Witz betrachtet und nicht ohne Humor kommentiert. Allerdings ist sein Witz von knapper, lakonischer Art und sein Humor ein trockener, der nie in Gefahr gerät überzuschäumen.

Doch wer des Autors Lebensgeschichte näher kennt (und hier werden ja einige Hauptkapitel daraus erzählt), wird dessen Schreibstil nicht nur besser verstehen, sondern wohl auch schätzen können.

Was also, fragt Vladimir Vertlib, hat Israel uns Juden zu bedeuten? Schimon zum Beispiel liebt das Land unbändig. Schon früher, in Russland, wo er geboren wurde, hat er es geliebt, schon immer "war das meine Heimat", sagt er. Auch sein Freund, Vladimir Vertlibs Vater, hat einst Israel als seinen Sehnsuchtsort empfunden. Deshalb haben ja die beiden zusammen mit Gleichgesinnten in den sechziger Jahren eine zionistische Organisation gegründet, was in der Sowjetunion jedoch verboten war.

Information

Vladimir Vertlib: Schimons Schweigen. Roman. Deuticke Verlag, Wien 2012, 269 Seiten, 20,50 Euro.

Die Sache flog auf, die Männer wurden verhaftet, Schimon zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, Vater Vertlib hingegen durfte mit seiner Familie im Jahr 1971 überraschenderweise nach Israel ausreisen. Als er aber "sein Ziel schließlich erreicht hatte, zerfiel die Sehnsucht wie eine Sandfigur zwischen seinen Fingern".

Dass sich zwischen die beiden Freunde später ein dreißigjähriges Schweigen legte, hatte (wie wir erst am Romanende erfahren) folgenden Grund: Von Israel wie vom Westen überhaupt tief enttäuscht, schrieb Vater Vertlib einen Bittbrief um Rückkehr in die UdSSR, der in Zeitungen veröffentlicht wurde und auch zu Schimons Kenntnis gelangte, welcher nun seinerseits tief enttäuscht und verletzt war: über den Verrat seines zionistischen Freundes.

Vor allem geht es in diesem Roman jedoch um den Ich-Erzähler unverhohlen autobiographischen Zuschnitts, der erzählend darüber nachdenkt, wie und was alles er versuchte, sich in seinem Leben heimatlich einzurichten. Als Vladimir Vertlib mit fünf Jahren seinen Geburtsort Leningrad verließ, begann für ihn eine zehn Jahre währende Emigranten-Odyssee, in deren Verlauf er zwei unglückliche Jahre in Israel zubrachte, bis er 1981, ein entwurzeltes russisch-jüdisches Kind, schließlich in Österreich landete, um nicht zu sagen: strandete.

In exemplarischen Episoden berichtet Vertlib von seinen Entwicklungsjahren als Schüler und Student in einem Land, das eigentlich nicht zu ihm passt, und zu dem andererseits er eigentlich auch nicht passt. Immer wieder bekommt er’s mit alten Nazis, jungen Rotzbuben und altneuen Antisemiten zu tun; er fühlt sich hier nicht zu Hause, sondern als "Kosmopolit mit gewissen Einschränkungen. Kosmopolitismus light" - und hat seine Wohnung nebst Garten in Salzburg "zur exterritorialen Zone erklärt" (was natürlich eine Notlösung ist und vermutlich nicht wirklich hilft).

Und wie steht’s um Vladimir Vertlibs Verhältnis zu Israel? Auf einer Lesereise durchs Land der Väter wird er, wie befürchtet, einmal gefragt: "Warum sind Sie nie nach Israel zurückgekommen?" - Absatz. Und dann die vielsagende Reaktion: "Ich trinke einen Schluck Wasser, rücke das Mikrofon wieder näher an mich heran, hole tief Luft: Danke, das ist eine sehr gute Frage‘, sage ich und . . . verstumme."




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-04-20 15:23:03
Letzte Änderung am 2012-04-20 15:31:19


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