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Update: 11.06.2012, 16:59 Uhr

Sachbuch

Universelle Magnifizenz




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Von Johann Werfring

  • Zu seinem 75. Geburtstag präsentiert Manfried Welan seine politische Biografie

Manfried Welan: Als dreifach gewählter Boku-Rektor fand er seine Lebensaufgabe.

Manfried Welan: Als dreifach gewählter Boku-Rektor fand er seine Lebensaufgabe.© boku Wien Manfried Welan: Als dreifach gewählter Boku-Rektor fand er seine Lebensaufgabe.© boku Wien

Schlendert man den Gang neben dem Festsaal der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) in Richtung Hörsäle entlang, so erblickt man die aneinander gereihten Konterfeis der Magnifizenzen der seit nunmehr 140 Jahren bestehenden hohen Schule an der Türkenschanze. Viele von ihnen blicken würdig auf die Betrachter herab, manche sind mit Attributen ihrer Forschertätigkeit versehen. Eines der Bilder tanzt beträchtlich aus der Reihe, es ist das von Oswald Oberhuber geschaffene Porträt von Manfried Welan.


Ebenso ungewöhnlich wie dieses Bild wirkt auch die Persönlichkeit und Karriere des Dargestellten. Zu seinem 75. Geburtstag, der morgen, Mittwoch, an der Boku Wien gefeiert wird, präsentiert der Jubilar den zweiten Teil seiner Biografie, nachdem er den ersten über Kindheit und Jugend 2006 herausgebracht hatte.

Manfried Welan, der vom frühen Erwachsenenalter an bis zu seiner Pensionierung ein "Homo politicus institutionalis" gewesen ist, einer, der sich in vielerlei Hinsicht politisch betätigte und für mannigfaltige Institutionen eine Leidenschaft entwickeln konnte, bekam seine bemerkenswerte Karriere keineswegs in die Wiege gelegt. Nachdem er sein Studium durch Tätigkeiten wie Hauslehrer, Hilfsarbeiter, Komparse und Vorleser erwirtschaftet hatte, arbeitete er sich als junger Jurist im Verwaltungsdienst der Technischen Universität Wien, hernach als Sekretär am Verfassungsgerichtshof und in der Wirtschaftskammer Österreich empor.

Ohne Bewerbung wurde er sodann an die Universität für Bodenkultur berufen, wo er dreimal das Amt des Rektors bekleidete. Zwischendurch zog er 1983 als einer von Erhard Buseks "bunten Vögeln" für die ÖVP ins Wiener Rathaus ein, wo er unter anderem als Stadtrat und Dritter Landtagspräsident amtierte. Ab 1991 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 stellte er sich wieder der Boku zur Verfügung.

Mechanismen der Macht
Im Buch vermag Welan seine Karriere im Kontext von politischen Ereignissen als spannende Zeitreise durch die Zweite Republik zu gestalten. Erzählerisch geschickt knüpft er immer wieder bei Lebensabschnitten diverser anderer bekannter Wiener Persönlichkeiten an. Sein Verhältnis zu Erhard Busek, Jörg Mauthe, Alois Mock und weiteren hochrangigen Vertretern der Volkspartei wird dabei ebenso ausgelotet wie jenes zu Größen der Sozialdemokratie wie Helmut Zilk und Hertha Firnberg.

In dieser Zusammenschau bietet Welan Einblicke in Mechanismen der Macht und eine Analyse der jeweiligen politischen Zusammenhänge.

Welan ist außerordentlich belesen und vielseitig interessiert (augenzwinkernde Eigendefinition: "Universaldilettant"). Schon im Laufe seiner beruflichen Karriere prägte er Metaphern wie "Das goldene Wiener Hirn", womit er den "realutopischen" Anspruch, Wien zu einer erstrangigen Wissenschaftsstadt zu machen, apostrophierte. Auch in seiner reichlich mit Wortwitz gepfefferten Biografie wartet Welan mit vielerlei den Lesefluss befördernden sinnbildlichen Wendungen auf.

Der Titel des Buches "Ein Diener der Zweiten Republik" könnte treffender nicht sein. Wie zu erfahren ist, hatte Welan im Lauf seiner "politischen" Jahre neben den eigentlichen beruflichen Aufgaben in rund 50 Organisationen als Multifunktionär Aufgaben erfüllt. Das lateinische Wort für Diener lautet "Minister". Und als solcher wäre er gerüchteweise im Falle des Zustandekommens eines Kabinetts Mock auch tatsächlich vorgesehen gewesen (Meinungsumfragen gaben der ÖVP Anfang der 1980er Jahre keine schlechten Chancen).

Ins Bewusstsein einer großen Öffentlichkeit trat Welan durch seine medienwirksamen Kommentare zum Amt des Bundespräsidenten. Das juristische Fach wurde damit hierzulande erstmals zum Hochspannungsding.

Sachbuch

Ein Diener der Zweiten Republik

Manfried Welan

Österreichischer Kunst- und Kulturverlag

240 Seiten, 38 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Manfried Welan

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Dokument erstellt am 2012-06-11 16:20:10
Letzte Änderung am 2012-06-11 16:59:08


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