• vom 30.06.2012, 12:00 Uhr

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Rezension

Stangl, Thomas: Reisen und Gespenster




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Von Bruno Jaschke

  • Geisterhafte Trugbilder
  • Der österreichische Autor Thomas Stangl sucht auf seinen realen wie imaginären Reisen Gegenwelten zu einem Kapitalismus ohne Gedächtnis und Bewusstsein.

Schreibt Gespenster herbei: Thomas Stangl.

Schreibt Gespenster herbei: Thomas Stangl.© Marko Lipus / www.literaturfoto.net / Marko Lipus / www.literaturfoto. Schreibt Gespenster herbei: Thomas Stangl.© Marko Lipus / www.literaturfoto.net / Marko Lipus / www.literaturfoto.

Bücher, die sich aus "nebenbei" entstandenen Texten mit stark unterschiedlichen Entstehungszeiten zusammensetzen, ergeben oft - bisweilen durchaus intendiert - den Eindruck von Patchwork. "Reisen und Gespenster" aber ist ein hermetisch in sich geschlossenes Ganzes und ergibt einen schlüssigen Wegbegleiter durch Thomas Stangls mehrfach preisgekröntes, auf drei Romane aufbauendes Hauptwerk. Sein tiefes Misstrauen gegen die Banalität der alltäglichen Wahrnehmung und ihrer sprachlichen Wiedergabe ist der Leitfaden auch durch dieses Buch.

Information

Thomas Stangl: Reisen und Gespenster. Essays. Droschl, Graz 2012, 238 Seiten, 22,- Euro.


Die hier versammelten, meist essayhaften, gerne Wirklichkeit mit Fiktion durchdringenden Texte reichen zurück bis ins Jahr 1994. Von damals stammt "Reisen im Gebirge der Zeichen", das dem Schriftsteller, Regisseur, Schauspieler und Theatertheoretiker Antonin Artaud auf einem Aufenthalt in Mexiko 1936 folgt - "ins Innere seines eigenen Traumes".

Auch die neuesten, 2010/11 datierenden Texte reflektieren eine Vergangenheit, nämlich die des Autors selbst: Mit wenigen biografischen Pinselstrichen, Zitaten aus Film, Literatur und Popmusik sowie künstlerischen Reflexionen zeichnet Stangl dichte Bilder seiner eigenen Adoleszenz, kulturellen Sozialisation und Schriftsteller-Existenz.

Der Titel "Reisen und Gespenster" könnte treffender nicht sein. Vom Reisen handelt das ganze Buch. Zum einen geht es dabei um Reisen im konventionellen Sinn als Akt einer physischen Fortbewegung in mehr oder weniger ferne Regionen wie Spanien, Tirol, Griechenland, Portugal oder Mexiko, das es Stangl besonders angetan zu haben scheint. Zum anderen geht es um Trips, die nur im Kopf stattfinden. Im Einen wie im Anderen manifestiert sich eine Suche nach neuen Lebenswelten (die freilich auch zur Flucht vor sich selbst und der eigenen Geschichte ausarten kann). Der Text-Zyklus "Stadt-Land-Fluss: T" verquirlt für die Beschreibung realer geografische Orte und Räume - der afrikanischen Stadt Timbuktu, des US-Bundesstaates Tennessee, des spanisch/portugiesischen Flusses Tajo/Tejo - beide Quellen: das Reisen aus leibhaftiger Anschauung und eine aus literarischen und historischen Zeugnissen gespeiste Phantasie. Dass dabei statt realistischer Porträts weit eher romantische Trugbilder entstehen, nimmt Stangl denkbar gelassen in Kauf - denn genau diese sind das Ziel.

Gleich verhält es sich mit den Gespenstern. Es ist nicht wirklich so, dass Stangl Gespenster "sieht" - er schreibt sie vielmehr herbei. Beschwört sie - wenn auch in resignativem Wissen um die Vergeblichkeit - als Gegenwelt zu einem Kapitalismus, der sich, "ohne Schuld, ohne Vergangenheit", als "gedächtnislose Simultanität" präsentiert, über "Medien ohne Botschaft außer jener stumm wiederholten, dass das Geld das Medium der Medien ist".

Irgendwann, schreibt Stangl, ein Zitat des Philosophen Jacques Derrida aufgreifend, sei man in einer "gespenstischen Welt ohne Gespenster" gelandet. "Wir haben nichts vergessen, nur das Bewusstsein verloren; wir können uns in der Vergangenheit bewegen, aber wir wissen, dass sie nicht da ist, selbst die Gegenwart ist kaum da, alles ist umstandslos zugänglich und in seiner Nähe ungreifbar und gleichgültig. Die Welt, so wie sie ist, kann man nicht lieben, aber man kann sich auch nicht auf ihren Zusammenbruch freuen; für die Zukunft ist nichts Besonderes vorgesehen."




Schlagwörter

Rezension, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-06-29 14:26:06
Letzte Änderung am 2012-06-29 14:28:19


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