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Update: 09.11.2012, 16:04 Uhr

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Horváth, Martin: Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten




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Von Hermann Schlösser

  • Ein großer Schwarzer

Ein "Mohr im Hemd" ist eine österreichische Mehlspeise, die manchen wohlmeinenden Menschen im Halse stecken bleibt, weil ihr Name unter dem Verdacht des dezenten Rassismus steht. Der Migrant Ali ist von derartigen Bedenken frei. Er bestellt in heiterer Ironie "zum Beweis meines unbändigen Integrationswillens in einer nahe gelegenen Konditorei einen kleinen Schwarzen und einen Mohren im Hemd."


"Mohr im Hemd" - so heißt der erste Roman des Wiener Musikers und Schriftstellers Martin Horváth, in dem der besagte Ali als Ich-Erzähler auftritt. Er lebt in einem Asylantenheim in Wien, und zwar in dem Stockwerk, das unbegleitete minderjährige Asylsuchende beherbergt. Als ein unglaublich aufmerksamer Mensch weiß er alles über das Leben seiner Mitbewohner. Sie sind aus den verschiedensten Ländern nach Wien gekommen und müssen sich nun miteinander verständigen. Dabei kommt es zu Streitereien und Missstimmungen, aber ebenso zu Freundschaften und Amouren. Horváth vermeidet umsichtig alle Klischees, die gerade beim Thema "Asylanten" auf der Hand liegen. Er porträtiert einfach junge Menschen, die nach Kräften versuchen, mit ihrer schwierigen Lage zurechtzukommen. Die meisten von ihnen sind unerträglich grausamen Verhältnissen entkommen und finden sich nun in Österreich wieder, wo sie von Abschiebung bedroht und zur Untätigkeit verdammt sind. Ihre Lebensgeschichten werden in einer reich instrumentierten Sprache erzählt, die alle Register zieht: vom ungrammatischen, aberexpressiven Migrantendeutsch bis zur literarischen Hochsprache.

Das Zentrum des Buches ist jedoch Ali, der eigentlich nicht Ali heißt - und auch sonst voller Geheimnisse ist. Nach seinen eigenen Auskünften stammt er aus Afrika, aber sehr viel mehr erfahren wir über seine Vergangenheit nicht. (Nur ein Albtraum, der ihn immer wieder heimsucht, lässt auf traumatische Kindheitserlebnisse schließen.) Jedenfalls ist dieser Erzähler ein wirklich großer Schwarzer. Er ist unwahrscheinlich begabt, Zitate aus der europäischen Kulturgeschichte würzen seine Rede, und er beherrscht die Sprachen all seiner Mitasylanten. So nimmt es nicht wunder, dass er sich schließlich sogar zum Anführer einer Migrantenrevolte aufschwingt - wobei es allerdings kunstvoll im Dunkeln bleibt, ob er sich diese revolutionäre Aktion nicht nur erträumt, während er sich in psychiatrischer Behandlung befindet.

Dieser literarische "Mohr im Hemd" ist eine reine Kunstfigur. Das ist aber kein Einwand gegen Ali, denn Martin Horváth hat keine Migrantenreportage geschrieben, sondern einen Roman, der in vielen Teilen traurig und beklemmend, in anderen Teilen übermütig und witzig, in allen Teilen aber sprachbewusst und literarisch anspruchsvoll ist.

Der Autor liest am 28. November um 19 Uhr, Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien.

Martin Horváth: Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2012, 345 Seiten, 20, 60 Euro.




Schlagwörter

Extra, Literatur, Rezension

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Dokument erstellt am 2012-11-09 14:50:11
Letzte Änderung am 2012-11-09 16:04:51


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