• vom 25.01.2013, 13:50 Uhr

Bücher aktuell

Update: 04.09.2013, 10:35 Uhr

Extra

Sommer, Amaryllis: Ulrich und seine Täter




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Katharina Schmidt

  • Offene Rechnungen

Die österreichische Ausnahmeautorin Amaryllis Sommerer, die mit ihren Psychothrillern "Selmas Zeichen" (2008) und "Keine Wunde, nichts" (2010) für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis nominiert war, hat mit "Ulrich und seine Täter" ihren dritten Roman veröffentlicht. Wieder legt Sommerer die für sie typische Mischung zwischen Psychogramm und Kriminalroman vor - diesmal allerdings mit deutlich stärkerem Fokus auf Ersteres.


Ulrich, Chef der Fernseh-Unterhaltung, wird tot aufgefunden. Dem Leser ist von Anfang an klar, dass der Drogensüchtige, dem der Raubmord angelastet wrid, unschuldig ist. Denn so oberflächlich beliebt Ulrich auch war - jeder seiner Untergebenen hatte eine Rechnung mit ihm offen. Da wäre einmal Richard, der ihm die ewige Jugend in Tablettenform verkaufte und parallel an Ulrichs Sessel sägte. Oder Amadeus, der alternde Serienschreiber, dem Ulrich einen Ghostwriter vor die Nase setzen wollte, woraufhin er nach London flüchtete. Oder Barbara, die Nymphomanin mit der Traumfigur, an der sich Ulrich brutal vergangen hat. Auch Barbaras genaues Gegenteil: Didi, eine 40-jährige Jungfrau, ein kleines Kind, in einem bulimischen Frauenkörper gefangen, die es Ulrich nie verzieh, dass er sie "spätes Mädchen" genannt hat. Oder Christoph, der Ex-Junkie, der sich neben seinem neuen Leben als Biobauer eine Zukunft als Drehbuchautor wünscht und sich dabei von allen gehemmt fühlt.

Nicht zuletzt Franziska, die - das ist das Erschreckende - noch am vernünftigsten wirkt. Dabei ist Ulrichs verstoßene Ex-Frau, die aus der Ehe nur die erwachsenen Kinder und die Schulden mitnehmen durfte, oft so neben der Spur, dass sie einen eigenen Taxifahrer für die Zeit nach ihren Alkoholexzessen beschäftigen kann. Ein Haufen gescheiterter Existenzen also, die mehr oder weniger angestrengt versuchen, den schönen Schein zu wahren und Ulrichs Baby, eine mittelmäßige Vorabend-Serie kurz vor der Absetzung, über seinen Tod hinaus am Leben zu erhalten. Jeder von ihnen hätte einen Grund gehabt, Ulrichs Tod herbeizuführen.

"Ulrich und seine Täter" ist leiser als Sommerers frühere Werke. Auch diesmal stellt sie ihre unaufgeregt-nüchterne und trotzdem (oder gerade deswegen) gewaltige Sprachvirtuosität unter Beweis, die Spannungskurve kann sie jedoch nicht halten. Trotz seiner Krimi-Elemente ist das Buch denn auch nicht als solcher zu lesen. Wer sich das vor Augen führt, wird nicht enttäuscht werden.

Amaryllis Sommer: Ulrich und seine Täter: Roman. Milena Verlag, Wien 2012, 205 Seiten, 19,90 Euro.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2013-01-25 13:53:03
Letzte Änderung am 2013-09-04 10:35:36



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. standpunkt
  2. Clemens J. Setz’ Gespür fürs Surreale
  3. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
Meistkommentiert
  1. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
  2. Hach, ist das schön!
  3. Mensch und Maschine in Symbiose?

Werbung




Werbung