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Ganser, Daniele: Europa im Erdölrausch




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Von Hellmut Butterweck

  • Wie ohne Erdöl leben?
  • Starke ökologische Argumente, ausgeblendete ökonomische Probleme.

Saudi-Arabien - im Bild das Ölfeld von Khurais - liefert besonders viel "schwarzes Gold". - © reuters

Saudi-Arabien - im Bild das Ölfeld von Khurais - liefert besonders viel "schwarzes Gold". © reuters

Zwei alte Männer sitzen einander in Rollstühlen gegenüber. Der eine laboriert an Schussverletzungen, der andere an den Folgen einer Krankheit. Der eine verfügt über einen Schatz, der andere will den Schatz heben und verspricht ihm dafür ewigen Schutz vor seinen Feinden. Er hat ihm sogar einen neuen Rollstuhl mitgebracht. Der eine schlägt ein. Der andere stirbt wenig später, aber die Nachfolger des einen können sich auch heute, 70 Jahre später, auf die Nachfolger des anderen verlassen.

Information

Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch - Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit. orell füssli Verlag, 414 Seiten, 25,70 Euro.


Winston Churchill war wütend, als er vom Deal, auf den sich US-Präsident Franklin D. Roosevelt nach der Konferenz von Jalta an Bord des schweren Kreuzers Quincy mit König Ibn Saud geeinigt hatte, erfuhr. Er eilte sofort zu Ibn Saud, um sich einen Teil des saudischen Erdöls zu sichern. Die Wochenschauen, die ihm die Amerikaner gezeigt hatten, hatten den König aber davon überzeugt, dass die USA eine potentere Schutzmacht waren als England, und er hatte ihnen die Ausbeutung der Erdölfelder Saudi-Arabiens exklusiv übertragen.

Ein historisches Schmankerl aus der großen historischen Erzählung von der Karriere einer Flüssigkeit, die das Leben der Menschen grundlegend veränderte und die Anhäufung gigantischer Reichtümer ermöglichte, und dies bereits in einer Zeit, in der sie nur in den Lampen und noch nicht in Motoren verbrannte. Von der entscheidenden Rolle dieser Flüssigkeit in zwei Weltkriegen. Von der Skrupellosigkeit, mit der um den Zugang zum Erdöl gerungen und getrickst wurde und wird. Dies allein würde Gansers Buch über den Erdölrausch lesenswert machen.

Sein Gewicht erhält es durch die Frage, die den Autor bewegt: wie die Menschheit ohne oder fast ohne Erdöl leben soll. Das Maximum der Erdölförderung ist unwiderruflich überschritten, die Frage ist nur, wann der Strom aus der Erde versiegen wird. Der Abhängigkeit vom Erdöl werde, meint Ganser, die Abhängigkeit vom Erdgas folgen, aber auch die Erdgasvorräte sind irgendwann erschöpft.

Zwang zu permanentem Wachstum wird ausgeblendet
Die Antwort kann man so oder ähnlich in vielen Büchern und Medien lesen: effizientere Nutzung der Energie. Übergang zu erneuerbaren Energien. Von der 6000-Watt-Gesellschaft zur 2000-Watt-Gesellschaft: Wir dürfen für alle unsere Bedürfnisse nur noch den energetischen Gegenwert von 1700 Liter Benzin pro Jahr verbrauchen. Das klingt nach einem Programm, das Verzicht und große Anstrengungen erfordert, aber gelingen kann. Ganser schließt denn auch mit der Hoffnung, unseren Kindern und Enkeln mögen "Ressourcenkriege, Rezessionen, Klimawandel und Wasserknappheiten" erspart bleiben. Sicher sei das in keiner Weise.

Dieser skeptischen Einschätzung kann man nur zustimmen. Der Autor blendet nämlich das größte ökonomische Problem der heutigen Industriegesellschaften völlig aus: den Zwang zu einem permanenten Wachstum, das die laufende Erosion des Arbeitsmarktes ausgleicht. Ein Wachstum, das ohne Mehrverbrauch von Energie und Rohstoffen Arbeit schafft, wurde aber leider bisher noch nicht beobachtet. Bei zwei Prozent Wachstum verdoppelt sich die Wirtschaftsleistung alle 35 Jahre. Die Frage, wie wir davon wegkommen können, ohne dass die Arbeitslosigkeit explodiert, wird auch von Daniele Ganser nicht gestellt.

Dem von den Engländern und Franzosen 1956 gemeinsam mit Israel gegen Gamal Abdel Nasser vom Zaun gebrochenen Suezkrieg widmet er einen ganzen Abschnitt, ohne ein Wort über die Rückendeckung zu verlieren, die dadurch die Sowjetunion bei der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes erhielt. Kritische Lektüre ist also angesagt. Das ändert aber nichts daran, dass man dieses Buch mit Gewinn liest.




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Dokument erstellt am 2013-02-11 14:29:07
Letzte Änderung am 2013-09-02 09:39:25


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