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Update: 02.09.2013, 13:34 Uhr

Literarisches Buch

Martynova, Olga: Mörikes Schlüsselbein




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Von Bruno Jaschke

  • Falsche Fährten, ewige Formen
  • Die aus Sibirien stammende und in Frankfurt am Main lebende Autorin Olga Martynova verfasst eine Hommage an die Literatur - mit immenser Sprachkraft und galligem Humor.

Ein Kapitel dieses Romans, es liegt knapp vor seiner Mitte, ist in sogenannten literarischen Zirkeln wohlbekannt, denn es gewann 2012 den Bachmannpreis. Es heißt "Ich werde sagen: ,Hi!‘" und schildert vordergründig, wie ein angehender Schriftsteller, der am Land bei Tante und Onkel die Ferien genießt, sich in eine Eisverkäuferin aus einer muslimischen Familie verschaut.

Olga Martynova, Bachmannpreis- Trägerin 2012.

Olga Martynova, Bachmannpreis- Trägerin 2012.© Foto: APA/Eggenberg Olga Martynova, Bachmannpreis- Trägerin 2012.© Foto: APA/Eggenberg

Moritz, wie der Literat-in-spe heißt, wird zwar nie wirklich "Hi!" zur Eisverkäuferin sagen. Stattdessen stellt er feinsinnige Reflexionen über die Schriftkunst und ihre Trägermedien (von Ton und Stein bis zu den heutigen Computerprogrammen) an und entwirft im Geiste vor dem Einschlafen Geschichten, in denen Kindheitserinnerungen und Eindrücke des abgelaufenen Tages einen ins Komisch-Absurde gewendeten Widerhall finden.

Information

Olga Martynova liest aus ihrem neuen Roman am 22. April um 19.00 Uhr in der Alten Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien.

Olga Martynova: Mörikes Schlüsselbein. Roman. Droschl Verlag, Graz 2013, 318 Seiten, 22,- Euro.


Genau das charakterisiert auch die Wechselbeziehung des Romans als Ganzem zu seinen vielen einzelnen Episoden, die zunächst wie hermetisch in sich geschlossen anmuten: Irgendwann, meist an äußerst unvermuteter Stelle, greifen sie ineinander über und verbinden sich zu Bedingungsgefügen, die man besser nicht nach den Gesetzen der Alltagslogik zu begreifen versucht. Die grün-orangen Streifen von Tante Anitas Strümpfen etwa finden sich auf einer Decke wieder, die unglaubliche Dinge und buchstäblich lange Wege macht. Eine Kampagne, die Tante Anita für ihre Werbeagentur lanciert und Menschen lehrt, ihr soziales Umfeld besser und verständiger zu akzeptieren, wird als weltweiter Verkaufshit sogar Schamanenverbände erobern.

Das titelgebende Schlüsselbein des Dichters Eduard Mörike, das hier als Ausstellungsstück in einem Tübinger Museum präsentiert wird und natürlich einem albernen Studentenscherz zu verdanken ist, aber andererseits in Moritz den Impuls weckt, Schriftsteller zu werden, ist solchermaßen Sinnbild für alle trügerischen Fährten, das dieser Roman auslegt. Ein Buch, das sich mehr über motivische Verstrebungen denn eine stringente Fabel verfolgen lässt und daher unmöglich zu einer schlüssigen Nacherzählung zu komprimieren ist. So wie deutsche Patchwork-Familien, russische Bohemians, Schamanen, Katzen, fleischfressende Pflanzen und Personen, die als Literatur-Übersetzer vorstellig werden und am anderen Ende als Agenten wieder auftauchen, eben nicht auf einen Nenner zu bringen sind.

Das, worum sich dieser Roman in Wahrheit dreht, ist die Literatur. Ein Autor, der seinen Höhepunkt schon lange hinter sich hat, stirbt, ein anderer, noch unfertig und unbeholfen, ist im Werden - die Form, die sie verbindet, ist ewig und zauberkräftig.

Die 1962 in Sibirien geborene, heute in Frankfurt/Main lebende Olga Martynova, die ihre Gedichte auf Russisch schreibt, ihre Romane aber auf Deutsch - dieser ist ihr zweiter und knüpft mit dem On-and-off-Paar Andreas und Marina auch dezitiert an den Vorgänger "Sogar Papageien überleben uns" (2010) an -, bedient sich, um ihre disparate Geschichte zu erzählen, einer Vielfalt von Ausdrucksmitteln. Sie beschränken sich nicht auf die sprachliche Ebene: In einer Passage, die in wahrhaft hellhörigen Menschen, die eine vertraute Person bereits am Geklapper ihres Gangs erkennen, ein belustigtes Echo hervorrufen wird, sind Schrittrhythmusfolgen als Illustration dargestellt. Die Gewichtung des Geschriebenen wiederum wird öfters differenziert durch die Typografie, die etwa Nachrangiges oder Gedachtes, das nicht laut ausgesprochen wird, durch matten Schriftsatz optisch zurücksetzt.

Es ist und bleibt aber der sprachliche Ausdruck, der dieses Buch ausmacht. Es gibt ein paar etwas bemühte Stellen, die man "typische Bachmann-Preisträger-Schreibe" zu nennen versucht ist. So etwa beschreibt Martynova die Skyline von Chicago folgendermaßen: "Die Spitzen und Zinnen der Hochhäuser rauchten die Pfeifen, die die Indianer einst in Eile hier hatten liegen gelassen. Die grauen Rauchwolken verjagten pfeifend das weiße Gewölk".

Solcher Metaphorik - von Juroren gerne als "sprachbildgewaltig" und ähnlich gefeiert - steht indes viel galliger Humor gegenüber. Vor allem Wiederholungen beherrscht Martynova auf virtuose und witzige Weise.

Olga Martynova: Mörikes Schlüsselbein. Roman. Droschl Verlag, Graz 2013, 318 Seiten, 22,- Euro.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-04-19 15:26:04
Letzte Änderung am 2013-09-02 13:34:05


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